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1.1.3 „aus vergangener Zeit“

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1. Es besteht kein Anspruch auf Erteilung der beantragten Erlaubnis der nach Art. 6 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 BayDSchG erforderlichen denkmalschutzrechtlichen Erlaubnis fĂŒr den Abbruch des betonierten, Teil eines NS-RĂŒstungswerks seienden Wasserreservoirs.
2. Bei dem Wasserreservoir handelt es sich um ein Baudenkmal i. S. d. Art. 1 Abs. 2 Satz 1 BayDSchG, da es eine bauliche Anlage aus vergangener Zeit ist, die von Menschen geschaffen wurde und deren Erhaltung wegen ihrer geschichtlichen und wissenschaftlichen Bedeutung im Interesse der Allgemeinheit liegt.
3. Das Wasserreservoir ist Teil eines integralen Denkmals, das die obertĂ€gigen und untertĂ€gigen Reste des ehemaligen RĂŒstungswerks im Bereich des MĂŒhldorfer Harts und damit Bau- und BodendenkmĂ€ler umfasst (vgl. BayVerfGH, Entscheidung vom 22.07.2008, Az.: Vf. 11-VII-07, https://www.w-goehner.de/rechtsprechungsuebersicht/direktlink.php?id=1 / juris [Rn. 45 ff.]).
4. Das Reservoir gehört zu den baulichen Anlagen des RĂŒstungswerks im MĂŒhldorfer Hart und veranschaulicht das Terrorregime des Nationalsozialismus, die „Topographie des Terrors“ und die „Vernichtung durch Arbeit“ in einzigartiger Weise. Dabei dokumentiert es den Versuch der Nationalsozialisten, innerhalb kĂŒrzester Zeit durch Zwangsarbeiter rĂŒcksichtslos einen RĂŒstungsgroßbetrieb zu errichten. Das Wasserreservoir steht in unmittelbarem Zusammenhang mit dem ehemaligen RĂŒstungswerk im MĂŒhldorfer Hart, von dem insbesondere die Ruine einer halbunterirdischen Flugzeugmontagehalle noch erhalten ist. Die rĂ€umliche Entfernung des Reservoirs zu dieser Ruine spricht nicht gegen die Denkmaleigenschaft des Wasserbeckens, sondern verdeutlicht vielmehr die immensen Ausmaße des RĂŒstungswerks.
5. Dass westlich der als Ruine vorhandenen FlugzeugtrĂ€gerhalle in grĂ¶ĂŸerer Entfernung zum Wasserreservoir weitere Ruinen vorhanden sind, beseitigt nicht die Denkmaleigenschaft des Reservoirs, sondern bestĂ€tigt umso mehr die Bedeutung zur Veranschaulichung der Dimension des ehemaligen RĂŒstungswerks. Das Vorhandensein grĂ¶ĂŸerer und ggf. auch besser erhaltener Teile des integralen Denkmals Ă€ndert nichts an der Eigenschaft des Reservoirs als Baudenkmal, sondern unterstreicht nur dessen Bedeutung.
6. Dass das Wasserreservoir sehr eingewachsen ist und die Spuren der Zeit trĂ€gt, Ă€ndert ebenfalls nichts daran, dass es sich um ein Denkmal handelt. Denn der Erhaltungszustand des Bauwerks hat grundsĂ€tzlich keinen Einfluss auf seine Denkmaleigenschaft (vgl. BayVGH, Urteil v. 18.10.2010, Az.: 1 B 06.63, juris [Rn. 32 zur Beseitigung eines ehemaligen Gasthofs]). Hinzu kommt, dass es sich um ein Denkmal handelt, das als Mahnmal an die vergangene NS-Zeit erinnert und dessen Wiederaufbau - anders als etwa bei einem erhaltenswerten, alten Wohnhaus - gerade keinen Sinn machen wĂŒrde. Allein durch sein Vorhandensein im jetzigen Zustand ist das Wasserreservoir denkmalwĂŒrdig und dient als Mahnung an die Gewaltherrschaft des Nationalsozialismus. Daher ist es gerade auch in seinem derzeitigen, durch die Jahrzehnte gezeichneten und verwitterten Zustand als Denkmal erhaltenswert.
7. Dass das Wasserreservoir nicht öffentlich zugĂ€nglich ist, Ă€ndert ebenfalls nichts an seiner Denkmaleigenschaft. Es ist nichts Ungewöhnliches, dass sich DenkmĂ€ler auf Privatgrund befinden. Das Wasserreservoir liegt zudem am Rande des PrivatgrundstĂŒcks in unmittelbarer NĂ€he zu einem öffentlich genutzten Weg, so dass es von östlicher und sĂŒdlicher Seite betrachtet werden kann. Der interessierte Besucher kann sich somit von dem öffentlich genutzten Weg aus einen guten Überblick ĂŒber das Reservoir und dessen Zusammenhang zum gesamten RĂŒstungswerk verschaffen. Hinzu kommt, dass der interessierte Besucher gerade durch einen Fußmarsch von der Ruine der Flugzeughalle zum Wasserreservoir auch die immensen GrĂ¶ĂŸenausmaße der ehemaligen Bunkeranlage nachvollziehen kann.
8. Die Denkmaleigenschaft ist auch nicht aufgrund des Abrisses mehrerer zur Gesamtanlage gehörender Bunker und des Zwangsarbeiterlagers in den 1990er Jahren entfallen. Den Genehmigungen von damals kommt keine Wirkung dahingehend zu, dass, wenn schon der Abbruch der Bunkeranlagen denkmalrechtlich genehmigt wurde, erst Recht der Abbruch des Wasserreservoirs genehmigt werden mĂŒsste.
9. Dass das Wasserreservoir nicht zusammen mit der Flugzeugmontagehalle in den geplanten „Gedenkort einbezogen werden soll, Ă€ndert ebenfalls nichts an seiner Denkmaleigenschaft. Denn es ist zwischen einem Gedenkort einerseits und der Denkmaleigenschaft eines Bauwerks andererseits zu unterscheiden. Es obliegt der Entscheidung des Freistaats Bayern, welchen Bereich er tatsĂ€chlich als Gedenkort ausgestalten will. Diese Entscheidung ist von einer Vielzahl an Faktoren, insbesondere auch von der ZugĂ€nglichkeit, der tatsĂ€chlichen VerfĂŒgbarkeit und der Geeignetheit eines Denkmals als Gedenkort, abhĂ€ngig. Dabei ist es keine Voraussetzung zur Bejahung der Denkmaleigenschaft, dass das Bauwerk als Gedenkort ausgewiesen ist.
10. Es sprechen gewichtige GrĂŒnde des Denkmalschutzes i. S. d. Art. 6 Abs. 2 Satz 1 BayDSchG gegen den Abriss des Wasserreservoirs und fĂŒr die unverĂ€nderte Beibehaltung des bisherigen Zustands. Sie ergeben sich unabhĂ€ngig davon, wie die Bedeutung des Baudenkmals bei der AbwĂ€gung zwischen den fĂŒr und gegen einen Abbruch sprechenden GrĂŒnden zu gewichten ist, aus den dargelegten GrĂŒnden, die die Denkmaleigenschaft des Reservoirs begrĂŒnden.
11. Die „gewichtigen GrĂŒnde des Denkmalschutzes“ stellen einen uneingeschrĂ€nkt gerichtlicher ÜberprĂŒfung unterliegenden unbestimmten Rechtsbegriff dar (BayVGH, Beschluss vom 31.10.2012, Az.: 2 ZB 11.1575, juris [Rn. 4 m. w. N.]).
12. Fehlen gewichtige GrĂŒnde, so ist ein Versagungsermessen nicht eröffnet, d. h. es bestĂŒnde ein Anspruch der KlĂ€gerin auf die Erteilung der Erlaubnis. Dabei sind die gewichtigen GrĂŒnde nicht dahingehend zu verstehen, dass dem Baudenkmal im Vergleich mit der allgemein fĂŒr die BegrĂŒndung der Denkmaleigenschaft maßgebenden Bewertung eine gesteigerte Bedeutung zukommen mĂŒsste. Vielmehr ergibt sie sich bereits aus der Bedeutung, auf der die Denk-maleigenschaft beruht (BayVGH, Urteil v. 27.09.2007, Az.: 1 B 00.2474, juris [Rn. 70]).
13. FĂŒr den Regelfall ist daher bei BaudenkmĂ€lern davon auszugehen, dass stets ein Erhaltungsinteresse anzuerkennen ist und damit gewichtige GrĂŒnde fĂŒr die Beibehaltung des bisherigen Zustandes indiziert sind. Gewichtige GrĂŒnde liegen allenfalls bei völlig un-bedeutenden BaudenkmĂ€lern nicht vor (BayVGH, Beschluss v. 31.10.2012, Az.: 2 ZB 11.1575, juris [Rn. 4]; BayVGH, Urteil v. 18.10.2010, Az.: 1 B 06.63, juris [Rn. 35]).
14. Der klĂ€gerische Antrag darf nicht alleine aus den festgestellten gewichtigen GrĂŒnden des Denkmalschutzes abgelehnt werden. Vielmehr verlangt Art. 6 Abs. 2 Satz 1 BayDSchG eine Ermessensentscheidung. Nach Art. 40 BayVwVfG ist das Ermessen dem Zweck der ErmĂ€chtigung entsprechend auszuĂŒben. Zweck des Erlaubnisvorbehaltes in Art. 6 Abs. 2 Satz 1 BayDSchG ist vor allem, durch eine prĂ€ventive Kontrolle den Hauptzielen des Gesetzes, einer möglichst unverĂ€nderten Erhaltung (Art. 4 BayDSchG) und einer möglichst zweckentsprechenden Nutzung (Art. 5 BayDSchG) der DenkmĂ€ler gegen Maßnahmen, die diesen Zielen typischerweise zuwiderlaufen, im Rahmen des dem DenkmaleigentĂŒmer Zumutbaren Rechnung zu tragen.
15. Die Behörde trifft mithin eine rechtsgestaltende Entscheidung, welche die Belange des Denkmalschutzes auf der einen sowie die widerstreitenden öffentlichen Belange und die betroffenen privaten Belange auf der anderen Seite ausgleichen muss. HierfĂŒr mĂŒssen alle vom Vorhaben betroffenen Belange berĂŒcksichtigt und miteinander und gegeneinander abgewogen werden (BayVGH, Urteil v. 27.09.2007, Az.: 1 B 00.2474, juris [Rn. 87 m. w. N.]; BayVG MĂŒnchen, Urteil v. 20.04.2015, Az.: M 8 K 14.635, juris [Rn. 42]).
16. Die Erlaubnis darf nur versagt werden, wenn die GrĂŒnde, die fĂŒr die Beibehaltung des bisherigen Zustandes sprechen, so viel Gewicht haben, dass sie die fĂŒr das Vorhaben streitenden öffentlichen und privaten Belange ĂŒberwiegen (BayVGH, Urteil v. 11.01.2011, Az.: 15 B 10.212, juris [Rn. 26]).
17. Bei der ErmessensausĂŒbung ist maßgeblich die Bedeutung des Baudenkmals zu berĂŒcksichtigen sowie Art und IntensitĂ€t des beabsichtigten Eingriffs zu den gewichtigen GrĂŒnden des Denkmalschutzes ins VerhĂ€ltnis zu setzen. Je gravierender der Eingriff aus denkmalfachlicher Sicht ist, desto grĂ¶ĂŸere Bedeutung kommt danach bei der AbwĂ€gung den fĂŒr einen unverĂ€nderten Erhalt sprechenden gewichtigen GrĂŒnden des Denkmalschutzes zu, was im Einzelfall auch zur Folge haben kann, dass sich das Versagungsermessen zu einer Versagungspflicht verdichtet (BayVG MĂŒnchen, Urteil v. 20.04.2015, Az.: M 8 K 14.635, juris [Rn. 43]).
18. Ferner ist Art. 6 Abs. 2 Satz 1 BayDSchG so auszulegen und anzuwenden, dass den aus Art. 14 Grundgesetz (GG) folgenden Anforderungen an ein Inhalt und Schranken des Grundeigentums bestimmendes Gesetz entsprochen wird. HierfĂŒr muss die PrĂŒfung, ob dem DenkmaleigentĂŒmer die (unverĂ€nderte) Beibehaltung des bisherigen Zustands mit den Erhaltungs- und Nutzungspflichten gemĂ€ĂŸ Art. 4 und Art. 5 BayDSchG zuzumuten ist, zumindest dem Grunde nach im Erlaubnisverfahren erfolgen. Im Fall der Unzumutbarkeit muss die Erlaubnis erteilt werden. Bei der ZumutbarkeitsprĂŒfung ist nicht auf die besondere Situation des jeweiligen EigentĂŒmers, sondern auf den „fĂŒr Denkmalbelange aufgeschlossenen EigentĂŒmer“ abzustellen (BayVGH, Urteil v. 18.10.2010, Az.: 1 B 06.63, juris [Rn. 38]; BVerfG, Beschluss v. 02.03.1999, Az.: 1 BvL 7/91, BVerfGE 100, 226).
19. Der Beklagte hat sein Ermessen, das nach § 114 VwGO nur eingeschrĂ€nkter gerichtlicher ÜberprĂŒfung unterliegt, rechtmĂ€ĂŸig ausgeĂŒbt und unter BerĂŒcksichtigung aller vorgebrachten Interessen der KlĂ€gerin und der Allgemeinheit von der Erteilung einer Abbrucherlaubnis in ermessensgerechter und damit rechtmĂ€ĂŸiger Weise abgesehen. Die Versagung der denkmalschutzrechtlichen Erlaubnis ist auch verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig.
20. Hierbei ist zu berĂŒcksichtigen, dass keine grĂ¶ĂŸeren Erhaltungsmaßnahmen von der KlĂ€gerin gefordert werden und ihr damit kein grĂ¶ĂŸerer finanzieller Aufwand zur Erhaltung des Denkmals, insb. keine Sanierung des Reservoirs abverlangt wird, auch wenn jedoch Pflegemaßnahmen wie etwa das ZurĂŒckschneiden der wuchernden Vegetation auf der GrundstĂŒcksflĂ€che von rund 3.500 mÂČ in Betracht kĂ€men. Das Baudenkmal soll in einem Zustand erhalten werden, dass es fĂŒr den Betrachter erlebbar bleibe. Diese Vorgaben der Bayerischen Denkmalfachbehörde BLfD sind nachvollziehbar, da Sanierungsmaßnahmen unter WĂŒrdigung des geschichtlichen Hintergrunds nicht sinnvoll erscheinen. Das Wasserreservoir dient zusammen mit der gesamten Anlage als Zeuge des nationalsozialistischen Terrors und damit als Mahnmal fĂŒr die Allge-meinheit.
21. Auch die objektiv fehlende Nutzbarkeit des Wasserreservoirs Ă€ndert angesichts seiner immensen geschichtlichen Bedeutung nichts. Dabei ist auch zu berĂŒcksichtigen, dass selbst bei einer Erteilung der denkmalschutzrechtlichen Abbrucherlaubnis der Platz, auf dem sich das Wasserreservoir befindet, nicht wie angedacht als LagerflĂ€che genutzt werden könnte, da das GrundstĂŒck sich im Außenbereich befindet, wo ein Lagerplatz nicht zulĂ€ssig ist, so dass somit im Entscheidungszeitpunkt auch kein Lagerplatz „verloren“ gehen kann. Daher liegt in der Ablehnung der denkmalschutzrechtlichen Erlaubnis auch keine unzumutbare BeeintrĂ€chtigung des Eigentums.
22. Aber auch unabhĂ€ngig von der baurechtlichen ZulĂ€ssigkeit des Lagerplatzes ist die Versagung der Erlaubnis unter dem Gesichtspunkt des Art. 14 GG nicht unverhĂ€ltnismĂ€ĂŸig. Die GesamtflĂ€che des streitgegenstĂ€ndlichen GrundstĂŒcks betrĂ€gt knapp 11.000 mÂČ, die gesamte FlĂ€che des Betriebs der KlĂ€gerin inklusive des streitgegenstĂ€ndlichen GrundstĂŒcks betrĂ€gt etwa 53.000 mÂČ. Selbst wenn der beabsichtigten Lagerung auf dem streitgegenstĂ€ndlichen GrundstĂŒck baurechtlich nichts entgegenstĂŒnde, wĂ€re die der KlĂ€gerin auf Grund des Denkmals nicht als LagerflĂ€che zur VerfĂŒgung stehende FlĂ€che mit etwa 2.900 mÂČ im VerhĂ€ltnis dazu relativ gering, so dass es auch von daher nicht unverhĂ€ltnismĂ€ĂŸig erscheint, den Bereich des Denkmals als LagerflĂ€che auszunehmen. Bei den etwa 2.900 mÂČ ist nicht nur das Wasserreservoir selbst mit seinen etwa 1.700 mÂČ, sondern die gesamte FlĂ€che ab dem Wasserreservoir bis hin zur GrundstĂŒcksgrenze berĂŒcksichtigt.
23. Im Übrigen wĂŒrde auch dann die VerhĂ€ltnismĂ€ĂŸigkeit gewahrt sein, wenn die nicht als Lager zur VerfĂŒgung stehende FlĂ€che mindestens 4.000 mÂČ betragen wĂŒrde. Denn von Art. 14 GG ist nicht stets die wirtschaftlichste Verwendung des Privateigentums geschĂŒtzt. Auch wenn das Wasserreservoir auf dem streitgegenstĂ€ndlichen GrundstĂŒck bestehen bleibt, kann sie - sofern die baurechtlichen Voraussetzungen hierfĂŒr vorliegen – dieses GrundstĂŒck als LagerflĂ€che benutzten. Allein der Bereich, auf dem das Denkmal steht, ist hiervon ausgenommen.
24. BerĂŒcksichtigt man gegenĂŒber den Interessen der KlĂ€gerin die erhebliche geschichtliche Bedeutung des Denkmals, folgt hieraus keine UnverhĂ€ltnismĂ€ĂŸigkeit der Erhaltung des Wasserreservoirs. Es ist Zeitzeuge des Terrorregimes zu NS-Zeiten und dient als mahnende Erinnerung an diese Zeit. Es verdeutlicht das Ausmaß des ehemaligen RĂŒstungswerks und damit auch der „Topographie des Terrors“. WĂŒrde es abgerissen, wĂŒrde ein wichtiger Teil der erhaltenswerten, da einzigartigen - aus heutiger Sicht erschreckenden - Bunkeranlage fehlen.
25. Photos zur Dokumentation des Wasserreservoirs können die Substanz der baulichen Anlage nicht ersetzen und sind im Hinblick auf die Erlebbarkeit des Denkmals nicht mit dessen Vorhandensein vergleichbar. Dies gilt insbesondere auch im Hinblick auf die Ausmaße des Wasserreservoirs selbst. Schon das Wasserreservoir fĂŒr sich genommen ist von eindrucksvollem Ausmaß. Hinzu kommt, dass es Teil eines integralen Denkmals ist (vgl. BayVerfGH, Entscheidung vom 22.07.2008, Az.: Vf. 11-VII-07, https://www.w-goehner.de/rechtsprechungsuebersicht/direktlink.php?id=1 / juris [Rn. 45 ff.]).
BayVG MĂŒnchen, Urteil , 05.04.2016, AZ: M 1 K 15.1167, Publikationsart: BeckRS 2016, 48469 / juris

1 Allgemeine Rechtsfragen
1.1 Eintragung in die Denkmalliste
1.1.1 Eintragungspflicht
1.1.2 Bedeutung
1.1.3 „aus vergangener Zeit“
1.1.4 DenkmalwĂŒrdigkeit
1.1.5 VerÀnderungsfolgen
1.1.7 Folgen fĂŒr das Eigentum
1.2.1 Schutz- und Erhaltungspflichten
1.3 Bauplanungsrecht, Bauleitplanung, Bauordnungsrecht
1.3.2 Bebauungsplan
2 Baudenkmalpflege
2.2 Abbruch
2.2.1 Abbruch eines Einzeldenkmals
2.2.1.1 GrundsÀtze
2.2.4 Gewichtige GrĂŒnde des Denkmalschutzes
2.2.5 Sozialbindung, VerhĂ€ltnismĂ€ĂŸigkeit und Zumutbarkeit, Darlegungslast
2.2.6 Gebundene Entscheidung (PrĂŒfung, Ausgleichsleistungen, Ermessen, AbwĂ€gung)
2.5 Erhaltungs- und Sicherungspflichten
3 Bodendenkmalpflege
3.1 Unterschutzstellung
3.1.1 Umgrenzung, Ausdehnung, Begrenzung, Nachweis
3.2 VerÀnderungen, Zerstörungen, Pflichten
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1. Die beantragte Feststellung, dass die Produktionshalle der Maschinenbaufirma Deckel kein Denkmal im Sinne des Art. 1 Abs. 1 BayDSchG sei, ist als Feststellung des Nichtbestehens eines RechtsverhĂ€ltnisses statthaft. Gegenstand der Feststellungsklage muss ein streitiges konkretes RechtsverhĂ€ltnis sein, d. h. es muss „in Anwendung einer Rechtsnorm auf einen bestimmten bereits ĂŒberschaubaren Sachverhalt streitig" sein (vgl. BVerwG, Urt. v. 28.01.2010, Az.: 8 C 38.09, juris [Rn. 32] / BVerwGE 136, 75 m. w. N.). Aus der Denkmaleigenschaft i. S. v. Art. 1 BayDSchG folgen zahlreiche gesetzliche Pflichten, u. a. die in Art. 4 BayDSchG geregelte Erhaltungspflicht, die Pflicht zur denkmalgerechten Nutzung (Art. 5 BayDSchG) sowie der in Art. 6 BayDSchG geregelte Genehmigungsvorbehalt.
2. Der Feststellungsklage steht auch nicht der Grundsatz der SubsidiaritĂ€t (§ 43 Abs. 2 Satz 1 VwGO) entgegen. Der der KlĂ€gerin zustehende Rechtsschutz soll auf dasjenige Verfahren, das ihrem Anliegen am wirkungsvollsten gerecht wird, konzentriert werden (vgl. BVerwG, Urt. v. 19.03.2014, Az.: 6 C 8.13, juris [Rn. 13]). Gemessen daran kann die KlĂ€gerin nicht auf eine Klage auf Erteilung einer Abrisserlaubnis nach Art. 6 BayDSchG verwiesen werden, da sich aus der von der KlĂ€gerin vorrangig geltend gemachten fehlenden Denkmaleigenschaft des streitgegenstĂ€ndlichen GebĂ€udes ein Anspruch auf Erteilung einer denkmalschutzrechtlichen Abrissgenehmigung nicht ableiten lĂ€sst, weil eine Erlaubnispflicht gern. Art. 6 Abs. 1 S. 1 BayDSchG fĂŒr einen GebĂ€udeabriss nur besteht, wenn es sich um ein Baudenkmal i. S. v. Art. 1 BayDSchG handelt (vgl. SĂ€chs. OVG, Urt. v. 16.03.2015, Az.: 1 A 727/13, juris [Rn. 10]). Ausgehend davon legt die KlĂ€gerin mit ihrem Hauptvorbringen zur „mangelnden DenkmalwĂŒr-digkeit" des streitgegenstĂ€ndlichen GebĂ€udes einen Sachverhalt dar, der zur UnzulĂ€ssigkeit einer Verpflichtungsklage auf Erteilung der beantragten Abrissgenehmigung und damit zur Klageabweisung fĂŒhren wĂŒrde (vgl. SĂ€chs. OVG, Urt. v. 16.03.2015, Az.: 1 A 727/13, juris [Rn. 10]). Vor diesem Hintergrund stellt in diesem Fall gerade die Feststellungsklage den wirkungs-vollsten Rechtsschutz bereit (vgl. BayVG MĂŒnchen, Urt. v. 18.10.2010, M 8 K 09.3950, n. V. [bestĂ€tigt durch BayVGH, Beschl. v. 04.09.2012, Az.: 2 ZB 11.587, juris]; BayVG MĂŒnchen, Urt. v. 20.07.2015, Az.: M 8 K 14.3265, n. V.).
3. Nach Art. 2 Abs. 1 BayDSchG hat dies Eintragung in die Bayerische Denkmalliste fĂŒr die Denkmaleigenschaft keine rechtsbegrĂŒndende Wirkung, sondern erfolgt nur nachrichtlich (Eberl/ Martin/ Spennemann, BayDSchG, 7. Aufl. 2015, Art. 2 Rn. 2). Die Eigenschaft einer Sache als Baudenkmal hĂ€ngt nicht von der Eintragung ab (Eberl/ Martin/ Spennemann, BayDSchG, 7. Aufl. 2015, Art. 2 Rn. 4).
4. Bei dem streitgegenstĂ€ndlichen GebĂ€ude „Produktionshalle 03“ handelt es sich um eine von Menschen geschaffene Sache.
5. Das GebĂ€ude stammt zudem „aus vergangener Zeit“ und gehört heute einer abgeschlosse-nen Epoche der Vergangenheit an, also einem Zeitabschnitt, sind, also in der Gegenwart nicht mehr andauern, ist jeweils im Zeitpunkt der Anwendung des Gesetzes zu entscheiden. Abge-schlossen ist heute nicht nur die Epoche der GrĂŒnderzeit, des Jugendstils und der Wilhelmini-schen Ära, sondern darĂŒber hinaus etwa auch die Neue Sachlichkeit der Zwanziger Jahre, die Bauhaus-Zeit und der Kolossalstil des Dritten Reiches. Bei Werken aus den 1950er Jahren handelt es sich um Schöpfungen einer abgeschlossenen, historisch gewordenen Epoche der Vergangenheit (vgl. Viebrock, in: Martin/ Krautzberger, Denkmalschutz und Denkmalpflege, 3. Aufl. 2010, Teil C Rn. 22; Eberl/ Martin/ Spennemann, BayDSchG, 7. Aufl. 2015, Art. 1 Rn. 7 f.). Das Ende der Wiederaufbauzeit wird dabei allgemein mit 1960 angenommen (vgl. Eberl/ Martin/ Spennemann, BayDSchG, 7. Aufl. 2015, Art. 1 Rn. 6).
6. FĂŒr Bauten der 1970er und 1980er Jahre sind auch heute die Grenzen fĂŒr eine Zuordnung zur Vergangenheit nicht eindeutig zu definieren. Allerdings finden sich in der Bayerischen Denkmalliste bereits GebĂ€ude, wie das Olympiastadion und das Hypohochhaus, die erst deut-lich spĂ€ter als die streitgegenstĂ€ndliche Produktionshalle errichtet wurden. Bauliche Anlagen der Postmoderne können allerdings noch nicht als Bauten der Vergangenheit eingeordnet werden (vgl. BayVGH, Urt. v. 10.06.2008, Az.: 2 BV 07.762, juris). Schließlich soll eine Mu-sealisierung des Lebens ebenso vermieden werden, wie eine Bevormundung der BĂŒrger und jeder Zeit ein Handlungsspielraum zugestanden werden (vgl. Eberl/ Martin/ Spennemann, BayDSchG, 7. Aufl. 2015, Art. 1 Rn. 8; Viebrock, in: Martin/ Krautzberger, Denkmalschutz und Denkmalpflege, 3. Aufl. 2010, Teil C Rn. 22). Sachen, die in der lebendigen und noch im Fluss befindlichen Gegenwart entstanden sind, können daher nicht als DenkmĂ€ler angesehen wer-den.
7. Gemessen an diesen MaßstĂ€ben stammt die ehemalige Produktionshalle der Firma Deckel aus vergangener Zeit im Sinn von Art. 1 Abs. 1 BayDSchG. Die im Wesentlichen von 1958 bis 1960 erbaute Halle gehört damit (noch) der sog. Wiederaufbauzeit angehört. Bei einem Bau-denkmal muss fĂŒr die Einordnung in die jeweilige historische Epoche auf den Zeitraum seiner tatsĂ€chlichen Errichtung abgestellt werden, wĂ€hrend es auf die vollstĂ€ndige Fertigstellung ebenso wenig ankommt als die Epoche der Wiederaufbauzeit exakt am Stichtag 31.12.1959 geendet haben sollte. Die Bewertung der Halle als ein Objekt aus einer abgeschlossenen his-torischen Epoche wird auch durch das gerichtliche SachverstĂ€ndigengutachten von Prof. Dr. Raabe vorn 30.09.2014 bestĂ€tigt. Die streitgegenstĂ€ndliche Produktionshalle ist damit denk-malfĂ€hig.
8. Ziel des Denkmalschutzes ist es, die Baukultur der Vergangenheit, d. h. die geschichtlichen Zeugnisse im Original zu erhalten. Denkmalpflege und Denkmalschutz zielen darauf, histori-sche ZusammenhĂ€nge in Gestalt einer baulichen Anlage in der Gegenwart zu veranschauli-chen (vgl. BayVGH, Urt. v. 03.01.2008, Az.: 2 BV 07.760, juris [Rn. 18]). Tragender Grund fĂŒr die mit der Unterschutzstellung als Denkmal verbundenen weitreichenden EinschrĂ€nkungen der EigentĂŒmerbefugnisse ist, dass DenkmĂ€ler fĂŒr geschichtliche UmstĂ€nde und Entwicklun-gen Zeugnis ablegen. Der Denkmalschutz will körperliche Zeugnisse aus vergangener Zeit als sichtbare IdentitĂ€tszeichen fĂŒr historische UmstĂ€nde bewahren und die Zerstörung historischer Substanz verhindern (vgl. OVG NRW, Urt. v. 26.08.2008, Az.: 10 A 3250/07, juris [Rn. 45]).
9. Den EinschĂ€tzungen des BLfD und der von seiner Seite vorgelegten gutachterlichen Stel-lungnahmen kommt tatsĂ€chliches Gewicht zu (vgl. BayVGH, Urt. v. 18.07.2013, Az.: 2 ZB 12.1741, juris [Rn. 27]), da das BLfD nach Art. 12 Abs. 1 und 2 BayDSchG die in Bayern zu-stĂ€ndige Fachbehörde fĂŒr alle Fragen des Denkmalschutzes ist (Eberl/ Martin/ Greipl, BayDSchG, 6. Aufl. 2007, Art. 12 Rn. 11 und 14). Es ist durch Art. 12 Abs. 2 Satz 3 Nrn. 5 und 1 BayDSchG dazu berufen, durch sachverstĂ€ndige Bedienstete fachliche Stellungnahmen und Gutachten abzugeben. Damit wird die erforderliche Sachkunde vermutet (Eberl/ Martin/ Greipl, BayDSchG, 6. Aufl. 2007, Art. 12 Rn. 39). Gerade die Denkmalfachbehörden der LĂ€n-der sind dazu berufen, sachkundige Stellungnahmen zur SchutzwĂŒrdigkeit von Denkmalen abzugeben. Nur dadurch wird ein wirksamer und maßstabsgerechter Denkmalschutz unab-hĂ€ngig von einem sich wandelnden Bewusstsein der Bevölkerung sichergestellt (Viebrock, in: Martin/ Krautzberger, Denkmalschutz und Denkmalpflege, 3. Aufl. 2010 Teil C Rn. 34 und 33).
10. Der streitgegenstĂ€ndlichen Produktionshalle „GebĂ€ude 03" kommt die erforderliche ge-schichtliche Bedeutung zu. In rechtlicher Hinsicht muss ein geschichtlich bedeutendes Denk-mal historische Ereignisse oder Entwicklungen heute und fĂŒr zukĂŒnftige Generationen an-schaulich machen. Dem modernen DenkmalverstĂ€ndnis liegt der Dokumentationswert frĂŒherer Bauweisen und der in ihnen zum Ausdruck kommenden politischen, sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen VerhĂ€ltnisse aller gesellschaftlicher Schichten zugrunde (vgl. Vierbrock, in: Martin/Krautzberger, Handbuch Denkmalschutz und Denkmalpflege, 3. Auflage 2010, Teil C Rn. 11). Geschichtliche Bedeutung ist gegeben, wenn ein GebĂ€ude historische Ereignisse oder Entwicklungen heute und fĂŒr zukĂŒnftige Generationen anschaulich macht. Die Bedeutung kann aus allen Zweigen der Geschichte hergeleitet werden, so aus der Wirtschafts-, Architektur-, Technik-, Kunst und Sozialgeschichte (vgl. Eberl/ Martin/ Spennemann, BayDSchG, 7. Aufl. 2015, Art. 1 Rn. 18). Auch bauliche Anlagen, die als hĂ€sslich oder störend empfunden werden, können von geschichtlicher Bedeutung sein (vgl. Eberl/ Martin/ Spennemann, BayDSchG, 7. Aufl. 2015, Art. 1 Rn. 18). Die geschichtliche Bedeutung kann auch darin liegen, dass das GebĂ€ude das erste oder das einzige in einer bestimmten Gegend noch erhaltene Beispiel einer bestimmten Bautechnik oder einer Stilrichtung oder einer GebĂ€udeart ist (vgl. Eberl/ Martin/ Spennemann, BayDSchG, 7. Aufl. 2015, Art. 1 Rn. 18).
11. Bei baulichen Anlagen aus der Wiederaufbauzeit nach dem Zeiten Weltkrieg kann sich die geschichtliche Bedeutung u. a. aus der Verwendung neuer Baustoffe und der Anwendung neuer Baumethoden ergeben. Von geschichtlicher Bedeutung können auch neuartige Lösun-gen bautechnischer Probleme oder althergebrachter Aufgaben sein (vgl. Eberl/ Martin/ Spen-nemann, BayDSchG, 7. Aufl. 2015, Art. 1 Rn. 18). Denn hier liegt dem modernen Denkmalbe-griff der Dokumentationswert frĂŒherer Bauweisen und der in ihnen zum Ausdruck gekomme-nen sozialen und wirtschaftlichen VerhĂ€ltnisse zugrunde (vgl. Viebrock, in: Martin/ Krautzber-ger, Denkmalschutz und Denkmalpflege, 3. Aufl. 2010, Teil C Rn. 11).
12. Die ehemalige Produktionshalle hat architekturgeschichtliche Bedeutung. Nach dem Gut-achten des BLfD vom 28.07.2014 ist sie zur Zeit ihrer Entstehung in Bayern als in der Bau-technik Stahlrohrfachwerk errichtetes Bauwerk einmalig und steht am Beginn großer Fabrik-hallen der Nachkriegszeit. Dieses „,Alleinstellungsmerkmal" spricht bereits wesentlich fĂŒr die Denkmaleigenschaft der Halle (vgl. Eberl/ Martin/ Spennemann, BayDSchG, 7. Aufl. 2015, Art. 1 Rn. 18). Hallen in anderen deutschen LĂ€ndern sind insoweit nicht maßgeblich. Zudem unterscheidet sich die Halle in den Abmessungen deutlich von den von der KlĂ€gerin angefĂŒhr-ten beiden Vergleichsobjekten (Paketposthalle, Werner-von-Linde-Halle im Olympiapark MĂŒn-chen), ebenso in der Form und dem Ă€ußeren Erscheinungsbild. Auch der Zweck der beiden Bauten war unterschiedlich, vorliegend war es die Maschinenproduktion, die Paketposthalle diente dem Umschlag von Paketpost von der Eisenbahn auf die Straße. Die zur Ausrichtung der XX. Olympischen Spiele 1972 errichtete Werner-von-Linde-Sporthalle stammt ihrerseits aus einer anderen Entstehungszeit und hat als SportstĂ€tte ebenfalls eine andere Funktion.
13. Die ehemalige Produktionshalle der Fa. Deckel hat daneben auch technikgeschichtliche Bedeutung. Die Dreigurt-Fachwerkbinder-Konstruktion des Daches als Stahlrohrfachwerk mit der großen Spannweite von 60 Metern ist zumindest fĂŒr Bayern neuartig und stellt damit die erste Anwendung dieser Technik in diesem Maßstab sowie eine ingenieur-technisch zu ihrer Zeit herausragende Leistung dar. Bei der Frage, ob ein Bauwerk ein Baudenkmal ist, kommt es im Übrigen nicht darauf an, ob die Technologie zu seiner Errichtung bereits vorhanden und bekannt war. Es genĂŒgt nicht, dass der Architekt oder Ingenieur in der Theorie bereits wusste, wie etwas zu bauen ist. Entscheidend ist vielmehr die erstmalige oder zumindest im Vergleich zu anderen Ă€hnlichen Objekten frĂŒhzeitige tatsĂ€chliche Verwirklichung, also die Umsetzung des Wissens und Könnens in gebaute Praxis. Erst dadurch entsteht ein materielles Zeugnis, das spĂ€ter als Baudenkmal Zeugnis von eben diesem Umsetzungsvorgang ablegen kann. Insoweit stellt die Halle ein anschauliches Zeugnis fĂŒr die erstmalige praktische Anwendung eines so weit gespannten Daches aus StahlrohrfachwerktrĂ€gern in Bayern dar.
14. Ob die streitgegenstĂ€ndliche Halle darĂŒber hinaus auch im Hinblick auf die Firmenge-schichte der frĂŒher dort produzierende Firma Deckel geschichtliche Bedeutung hat, kann im vorliegenden Fall – unbeschadet der nachstehenden Überlegungen – dahinstehen. Der Ein-wand, bei allgemeiner Anwendung dieses Gedankens wĂŒrden bald alle Gewerbegebiete mit alten ProduktionsstĂ€tten „vollstehen", fĂŒr die es keine Verwendung mehr gĂ€be, kann nicht von vornherein von der Hand gewiesen werden. In der Halle selbst weist heute unmittelbar nichts mehr darauf hin, dass dort einmal eine Maschinenfabrik ihre Produkte fertigte. Nicht ohne Ge-wicht ist dabei, dass die Halle eben keine typische Fabrikhalle ist. Andererseits hatte die Firma Deckel zumindest ĂŒber einen gewissen Zeitraum erhebliche Bedeutung und war unter anderem zu dieser Zeit ein wichtiger Hersteller technisch hochwertiger Bauteile. Die Produktionshalle der Firma Deckel stellt damit ein bedeutsames Zeugnis fĂŒr den „modernen Technologiestandort MĂŒnchen" dar. Der Umstand, dass die Fa. Deckel im Jahre 1953 ĂŒber 3000 BeschĂ€ftigte hatte und 1972 der viertgrĂ¶ĂŸte Werkzeugmaschinenhersteller in Deutschland war, stellt ebenfalls ein Indiz fĂŒr die Bedeutung des Unternehmens dar.
15. Mit dem Merkmal der kĂŒnstlerischen Bedeutung stellt das Gesetz auf die QualitĂ€t in Ă€sthe-tisch-gestalterischer Hinsicht ab, also auf eine Schöpfung, die das Ă€sthetische Empfinden in besonderem Maß anspricht oder den Eindruck vermittelt, dass etwas nicht AlltĂ€gliches ge-schaffen worden ist (vgl. Viebrock, in: Martin/ Krautzberger, Denkmalschutz und Denkmalpfle-ge, 3. Aufl. 2010, Teil C Rn. 9; Eberl/ Martin/ Spennemann, BayDSchG, 7. Aufl. 2015, Art. 1 Rn. 19). KĂŒnstlerische Bedeutung kann auch vorliegen, wenn das Bauwerk Merkmale der Kunst aufweist und diese Resultat einer besonderen individuellen schöpferischen Gestaltung sind (vgl. OVG LĂŒneburg, Urt. v. 04.12.2014, Az.: 1 LC 106/13, juris Rn. 57). FĂŒr die individuelle Eigenart ist in der Regel nicht auf einzelne Details des GebĂ€udes abzustellen, sondern auf die prĂ€genden Elemente (vgl. OVG LĂŒneburg, Urt. v. 04.12.2014, Az.: 1 LC 106/13, juris Rn. 58).
16. Auch fĂŒr die Wiederaufbauzeit nach dem Zweiten Weltkrieg können Gesichtspunkte der Ästhetik des Bauens der FĂŒnfziger Jahre als Kriterien herangezogen werden. Auch die Person des Urhebers kann in diesem Zusammenhang eine Rolle spielen (vgl. Eberl/ Martin/ Spenne-mann, BayDSchG, 7. Aufl. 2015 Art. 1 Rn. 19). Gerade auch technischen, funktional gestalte-ten Bauten kann aus kĂŒnstlerischen GrĂŒnden Denkmalwert zugesprochen werden. FĂŒr her-ausragende Architekten ist auch die Stellung des Kunstwerks im Lebenswerk des Schaffenden heranzuziehen (vgl. Viebrock, in: Martin/ Krautzberger, Denkmalschutz und Denkmalpflege, 3. Aufl. 2010, Teil C Rn. 9).
17. Bei einem Bauwerk kann die kĂŒnstlerische Bedeutung sowohl in der eigentlichen architek-tonischen Gestaltung wie in einer kĂŒnstlerischen AusschmĂŒckung begrĂŒndet sein. Einer ab-schließenden Entscheidung, ob diese Voraussetzungen bei dem streitgegenstĂ€ndlichen Ge-bĂ€ude bedarf es allerdings nicht. Andererseits hat das Gericht erhebliche Zweifel daran, ob die Fassade - als frĂŒhes Beispiel einer Vorhangfassade in Bayern - fĂŒr sich allein im Hinblick auf kĂŒnstlerische Bedeutung die Schwelle nach Art. 1 BayDSchG erreicht. Soweit in der Halle sich die Aufnahme moderner, an amerikanischen Vorbildern orientierter Architektur widerspiegeln, es sich folglich um eine bloße Nachahmung auslĂ€ndischer Vorbilder handeln sollte, fehlte es an der eigenstĂ€ndigen kĂŒnstlerischen Gestaltung, die fĂŒr die Annahme einer kĂŒnstlerischen Bedeutung erforderlich ist. Fehlt der baulichen Anlage jeder Hinweis auf eine individuell-kĂŒnstlerische Gestaltung und hat sie eindeutig auch keine baukĂŒnstlerische Epoche angestos-sen oder abgeschlossen, dann kommt ihr auch keine kĂŒnstlerische Bedeutung zu (vgl. OVG LĂŒneburg, Urt. v. 04.12.2014, Az.: 1 LC 106/13, juris [Rn. 56, 59 und 60]).
18. Eine kĂŒnstlerische Bedeutung der Fassade könnte daher allenfalls bei einer Gesamtbe-trachtung des Bauwerks zu bejahen sein, da das Ă€ußere Erscheinungsbild, das den Hal-lencharakter der ehemaligen Produktionshalle weitgehend verbirgt, ein Beispiel fĂŒr die Ästhetik des Bauens zum Ende der 1950er Jahre darstellen könnte, wozu gerade die Fassadengestal-tung wesentlich beitrĂ€gt, indem durch die vorgehĂ€ngte CurtainÂŹ-Wall-Fassade der Eindruck ei-nes BĂŒrogebĂ€udes und nicht einer Produktionshalle vermittelt wird.
19. Der Denkmalcharakter wĂŒrde ferner auch nicht verloren gehen, sollten bei der erforderli-chen Sanierung die Fassadenteile nicht mehr wieder anzubringen sein, da der eigentliche Denkmalwert in der 60 m weiten stĂŒtzenfreien Deckenkonstruktion liegt.
20. Wissenschaftliche Bedeutung liegt vor, wenn eine Sache fĂŒr die Wissenschaft oder einen Wissenschaftszweig von Bedeutung ist, so bei einem Bauwerk z. B. fĂŒr die Statik - modellhafte und erstmalige BewĂ€ltigung bestimmter statischer Probleme - oder fĂŒr die Baukonstruktion (vgl. Viebrock, in: Martin/ Krautzberger, Denkmalschutz und Denkmalpflege, 3. Aufl. 2010, Teil C Rn. 14).
21. Der Umstand, dass die ehemalige Produktionshalle in ihrer Entstehungszeit einmalig und am Beginn großer Fabrikhallenbauten der Nachkriegszeit steht und die Spannweite eine bau-ingenieurstechnisch herausragende Leistung in ihrer Zeit darstellt, begrĂŒndet zwar die bau- und technikgeschichtliche Bedeutung der Halle, ist allerdings wohl nicht ausreichend, selbst auch eine wissenschaftliche Bedeutung zu belegen.
22. Die denkmalschutzrechtliche Bedeutung der ehemaligen Produktionshalle ist auch nicht durch die VerÀnderungen im Lauf der Zeit verloren gegangen. Die Baudenkmaleigenschaft endet erst mit der Zerstörung der baulichen Anlage. Durch VerÀnderungen endet sie grund-sÀtzlich nicht (vgl. BayVGH, Beschluss v. 04.09.2012, Az.: 2 ZB 11.587, juris [Rn. 5]; BayVGH, Urt. v. 27.03.1979, Az.: 305 I 74, VGH n. F. 32, 140 / BayVBI 1979, 616 / FHOeffR 30 Nr. 9871; Eberl/ Martin/ Spennemann, BayDSchG, 7. Aufl. 2015, Art. 1 Rn. 39). Dies wÀre nur dann der Fall, wenn durch die VerÀnderungen die aus vergangener Zeit stammenden Teile einer bauli-chen Anlage beseitigt werden oder die bauliche Anlage insoweit beeintrÀchtigt wird, dass sie die Bedeutungsschwelle des Art. 1 Abs. 1 DSchG nicht mehr erreicht (Eberl/ Martin/ Spennemann, BayDSchG, 7. Auflage 2015, Art. 1 Rn. 39 m. w. N.).
23. Ein vom Zeitpunkt seiner Errichtung unverĂ€ndertes Baudenkmal wĂŒrde angesichts der ĂŒblichen, durch Entwicklung und Fortschritt bedingten An-, Um- und Ausbauten, welche bei nahezu jedem GebĂ€ude im Laufe seines Bestehens vorgenommen werden, die Anforderungen an die BegrĂŒndung der Denkmaleigenschaft bei weitem ĂŒberspannen (vgl. Viebrock, in: Martin/ Krautzberger, Handbuch Denkmalschutz und Denkmalpflege, 3. Aufl. 2010, Teil C Rn. 29 ff.).
24. NachtrĂ€gliche Änderungen lassen das Erhaltungsinteresse grundsĂ€tzlich nicht wegfallen, wenn sich an den baulichen VerĂ€nderungen, die das GebĂ€ude im Laufe der Jahre erfahren hat, die damit einhergehenden Änderungen im Sinne des Schutzgrundes noch ablesen lassen (vgl. Viebrock, in: Martin/ Krautzberger, Handbuch Denkmalschutz und Denkmalpflege, 3. Aufl. 2010, Teil C Rn. 29).
25. Die nach der Eintragung in die Denkmalliste erteilten Baugenehmigungen betreffen im streitgegenstĂ€ndlichen Fall weitgehend reine NutzungsĂ€nderungen. Der Abriss einer Aufzugs-anlage und das Entfernen eines Treppenhauses sowie der Einzug von TrennwĂ€nden im Erd-geschoss fĂŒhren nicht zum Verlust der Denkmaleigenschaft, sondern stellen vielmehr eine ĂŒbli-che Entwicklung dar, die nahezu jedes GebĂ€ude im Laufe seines Bestehens nimmt. Da fĂŒr die Denkmaleigenschaft der streitgegenstĂ€ndlichen Produktionshalle gerade die große stĂŒtzenfreie Dachkonstruktion von entscheidender Bedeutung ist, diese aber nach wie vor bauzeitlich und unverĂ€ndert vorhanden ist, lĂ€sst sich der Schutzgrund des vorliegenden Baudenkmals trotz baulicher VerĂ€nderungen an anderen Teilen der Halle unverĂ€ndert ablesen, liegen die das zu ĂŒberliefernde Zeugnis konstituierenden Denkmalwerte unverĂ€ndert vor.
26. GrundsĂ€tzlich entfallen die Baudenkmaleigenschaft und das öffentliche Interesse an der Erhaltung einer denkmalwĂŒrdigen Sache erst, wenn ihre historische Substanz soweit verloren geht, dass sie ihre Funktion, Aussagen ĂŒber geschichtliche UmstĂ€nde und VorgĂ€nge zu do-kumentieren, nicht mehr erfĂŒllen kann (vgl. OVG NRW, Urt. v. 26.08.2008, Az.: 10 A 3250/07, juris [Rn. 47]). FĂŒr die Frage, wann die historische IdentitĂ€t eines Baudenkmals entfĂ€llt, kommt es nicht auf eine schematische, an Zahlenwerten orientierte Betrachtungsweise an. Es lĂ€sst sich keine feste Regel darĂŒber aufstellen, welcher relative Anteil an historischer Substanz eines GebĂ€udes wegfallen kann, ohne dass es zu einer GefĂ€hrdung oder zum Wegfall seiner IdentitĂ€t kommt. Erforderlich ist vielmehr eine qualitative Betrachtung, die die GrĂŒnde der Un-terschutzstellung und alle Besonderheiten des Einzelfalles berĂŒcksichtigt (vgl. BayVGH, Be-schluss v. 04.09.2012, Az.: 2 ZB 11.587, juris [Rn. 5]; Hönes, BayVBI, 2012, 522 ff. [524]).
27. Maßgeblich ist die Frage, ob ein Objekt trotz Verluste an historischer Substanz noch die Erkennbarkeit der Aussage bewahrt, die zu seiner Anerkennung als Denkmal gefĂŒhrt hat (vgl. OVG NRW, Urt. v. 26.08.2008, Az.: 10 A 3250/07, juris [Rn. 48]). Die Baudenkmaleigenschaft endet grundsĂ€tzlich erst mit der Zerstörung der baulichen Anlage und nicht bereits durch bloße VerĂ€nderungen (vgl. BayVGH, Beschluss v. 04.09.2012, Az.: 2 ZB 11.587, juris [Rn. 5 m. w. N.]). In der obergerichtlichen Rechtsprechung wird daher die Ansicht vertreten, dass es abwe-gig sei, anzunehmen, ein Jahrhunderte altes GebĂ€ude verliere spĂ€testens dann seine Denk-maleigenschaft, wenn im Laufe der Jahrhunderte der letzte noch aus der Erbauungszeit stammende Stein in Folge zeitbedingter VerwitterungsschĂ€den ausgetauscht worden ist (vgl. OVG Sachsen-Anhalt, Urt. v. 15.12.2011, Az.: 2 L 152/06, juris [Rn. 90]).
28. Die Denkmaleigenschaft kann in AusnahmefĂ€llen auch nach DurchfĂŒhrung von Erhal-tungsarbeiten entfallen, wenn die damit verbundenen Eingriffe in das Denkmal so weit gehen, dass die Denkmalaussage verloren geht (vgl. OVG Sachsen-Anhalt, Urt. v. 15.12.2011, Az.: 2 L 152/06, juris [Rn. 90]). Die SanierungsÂŹmaßnahmen an der Stahlbetonkonstruktion der streit-gegenstĂ€ndlichen Halle fĂŒhren in diesem Sinne nicht zum Verlust der Denkmaleigenschaft. Das GebĂ€ude kann trotz des Alters des Betonskeletts und der vorhandenen SchĂ€den auch in Zukunft erhalten werden. Nach Darstellung sogar des klĂ€gerischen ParteisachverstĂ€ndigen Prof. Dr. Feix ist das Stahlbetontragwerk generell in einem „guten bis befriedigenden" Zustand. Durch dieses Gutachten wird die ErhaltungsfĂ€higkeit des Betonskeletts der streitgegenstĂ€ndli-chen Halle wegen der auf dem Alterungsprozess von Beton beruhenden Karbonatisierung nicht in Frage gestellt. Der seitens der KlĂ€ger befĂŒrchtete „nahezu komplette Verlust der noch erhaltenen restlichen Originalsubstanz" des Stahlbetontragwerks ist deshalb nicht zu befĂŒrch-ten, da ein „neubauĂ€hnliches GebĂ€ude" nicht die Folge der Sanierung sein wird. Eine solche Neuerrichtung kĂ€me einer Rekonstruktion gleich und wĂŒrde den Zielen der Denkmalpflege widersprechen. Sie ist aber mangels GefĂ€hrdung des Betontragwerks in seiner Substanz ge-rade nicht erforderlich.
29. Werden im Laufe der Zeit lediglich Bauteile im Zuge ĂŒblicher Erhaltungsmaßnahmen aus-getauscht, fĂŒhrt dies ebenfalls regelmĂ€ĂŸig nicht zum Wegfall der Denkmaleigenschaft (vgl, BayVGH, Urt. v. 04.09.2012, Az.: 2 ZB 11.587, juris [Rn. 5]; OVG Sachsen-Anhalt, Urt. v. 15.12.2011, Az.: 2 L 152/06, juris [Rn. 90]). Anders ist es nur, wenn sich der Zustand des Ge-bĂ€udes infolge Ă€ußerer EinflĂŒsse (Feuchtigkeit, Immissionen, Beanspruchung der Substanz durch ĂŒbliche oder ĂŒbermĂ€ĂŸige Nutzung) so stark verschlechtert hat, dass ohne eine Sanierung der Verlust des GebĂ€udes zu erwarten ist und die Wiederherstellung eines gebrauchsfĂ€higen Zustands wie eine Neuerrichtung zu werten ist (vgl. OVG Sachsen-Anhalt, Urt. v. 15.12.2011, Az.: 2 L 152/06, juris [Rn. 90]). Bloße Erhaltungsmaßnahmen fĂŒhren hingegen regelmĂ€ĂŸig nicht zum Verlust der Denkmaleigenschaft, denn der EigentĂŒmer ist dazu verpflichtet, sein Denkmal zu erhalten (Art. 4 BayDSchG), so dass Arbeiten dieser Art lediglich Ausdruck des selbstverstĂ€ndlichen Umstands sind, dass BaudenkmĂ€ler „durch die Zeit gehen" und laufender Unterhaltung bedĂŒrfen. Selbst wenn die einer Erhaltung in diesem Sinne zugĂ€nglichen Teile eines GebĂ€udes im Laufe der Zeit vollstĂ€ndig ausgetauscht werden, fĂŒhrt dies regelmĂ€ĂŸig nicht zum Verlust der Denkmaleigenschaft, wenn nicht gerade die historische Substanz dieser GebĂ€udeteile die IdentitĂ€t und damit den Denkmalwert des GebĂ€udes begrĂŒndet (OVG Sachsen-Anhalt, Urt. v. 15.12.2011, Az.: 2 L 152/06, juris [Rn. 90]). Das streitgegenstĂ€ndliche GebĂ€ude verliert insoweit nicht seinen historischen Aussagewert.
30. Die neue Dacheindeckung, die (massive) VerstĂ€rkung der Tragwerkkonstruktion, das An-bringen eines Brandschutzanstriches, das Nachbessern der SchweißnĂ€hte, die Montage einer Sprinkleranlage, die komplette Erneuerung der Haustechnik, die VerstĂ€rkung der Decke im Erdgeschoss mit Brandschutzplatten, der Einbau einer zusĂ€tzlichen Rettungstreppe sowie das Anbringen von Korrosionsschutz fĂŒhren zu keiner ĂŒberwiegenden Zerstörung der historischen Substanz und des Zeugniswertes der ehemaligen Produktionshalle und ihrer Dachkonstruktion. Durch die erforderlichen Vollsanierungsmaßnahmen wird in die Originalsubstanz, insbesondere in die Dachkonstruktion nicht so nachhaltig eingegriffen, dass der vorliegende Zeugniswert der streitgegenstĂ€ndlichen Halle dadurch zerstört wird. Der Zeugniswert kann vielmehr auch nach der Vollsanierung noch in der Gegenwart weiter veranschaulicht werden (vgl. BayVGH, Urt. v. 03.01.2008, Az.:2 BV 07.760, juris [Rn. 18]), wenn die notwendigen Sanierungsmaßnahmen in Abstimmung mit dem BLfD denkmalvertrĂ€glich durchgefĂŒhrt werden, sodass dadurch die Denkmaleigenschaft der ehemaligen Produktionshalle nicht verloren gehen wird. Solche bloße Erhaltungs- und Sanierungsmaßnahmen, die jedes Denkmal erfĂ€hrt, fĂŒhren nicht zum Verlust des Zeugniswerts der streitgegenstĂ€ndlichen Halle.
31. Ebenso kann es fĂŒr die Beurteilung der Denkmaleigenschaft der ehemaligen Produktions-halle nicht von Bedeutung sein, dass bei ihrer Errichtung zum Teil minderwertige oder gesund-heitsgefĂ€hrdende Baustoffe verwendet worden waren. Zum einen waren diese Baustoffe zur Bauzeit ĂŒblich und zum anderen können sie im Rahmen der Sanierung denkmalvertrĂ€glich und umweltgerecht von entsprechenden Fachfirmen durch heute ĂŒbliche Materialien ersetzt werden. Ferner hĂ€ngt die Baudenkmaleigenschaft nicht von diesen umweltschĂ€dlichen Mate-rialien ab, die im Rahmen des Gesamtbauwerks lediglich einen vergleichsweise geringen Um-fang haben, insbesondere der Austausch der Dachhaut und Dacheindeckung fĂŒhrt als reine Erhaltungsmaßnahme nicht zum Wegfall der Denkmaleigenschaft.
32. Schließlich hat ein evtl. unansehnlicher Zustand, in dem sich das Objekt heute befinden könnte, dessen gegenwĂ€rtiger Zustand allerdings der jahrzehntelangen VernachlĂ€ssigung des Bauunterhalts geschuldet ist, ebenfalls keinen Einfluss auf die Eigenschaft der Produktionshalle als Denkmal. Der Erhaltungszustand ist jedoch grundsĂ€tzlich ohne Einfluss auf die Denk-maleigenschaft, es sei denn, dass bei den notwendigen Instandsetzungsmaßnahmen die Be-wahrung der IdentitĂ€t nicht möglich wĂ€re und eine bloße Rekonstruktion entstĂŒnde (vgl. Vie-brock, in: Martin/ Krautzberger, Denkmalschutz und Denkmalpflege, 3. Aufl. 2010, Teil C Rn. 29 und 30; Eberl/ Martin/ Spennemann, BayDSchG, 7. Aufl. 2015, Art. 1 Rn. 15).
33. Soweit es noch der Feststellung der ErhaltenswĂŒrdigkeit bzw. eines öffentlichen Erhaltungsinteresses bedarf (vgl. Viebrock, in: Martin/ Krautzberger, Handbuch Denkmalschutz und Denkmalpflege, 3. Aufl. 2010, Teil C Rn. 5), ist nicht auf die Anschauung des gebildeten Durchschnittsmenschen abzustellen, sondern auf den Wissens- und Kenntnisstand sachver-stĂ€ndiger Kreise; die Denkmaleigenschaft eines Bauwerks wird daher nicht dadurch ausgeschlossen, dass der Durchschnittsbetrachter es nicht als solches erkennt. ErhaltenswĂŒrdig sind dabei nicht nur hervorragende Zeugnisse der Vergangenheit, sondern auch Sachen, die das Geschichtsbild nur in geringem Maß oder zusammen mit anderen Sachen prĂ€gen (vgl. BayVGH, Beschluss v. 15.01.2002, Az.: 14 ZB 00.3360, Az.: juris [Rn. 2]).
34. Alle deutschen Denkmalschutzgesetze lassen den Schutz von Objekten aus den oben ge-nannten GrĂŒnden nur insoweit zu, als aus ihnen ein „öffentliches Erhaltungsinteresse" bzw. ein entsprechendes „Interesse der Allgemeinheit" hergeleitet werden kann. Dieses Tatbe-standsmerkmal hat die Aufgabe, aus dem Kreis der in Frage kommenden Objekte eine ein-grenzende Auswahl zu treffen. Das Merkmal des öffentlichen Interesses erfĂŒllt daher die Funk-tion, nur Sachen von Erheblichkeit als öffentlich-rechtliches Schutzobjekt zu qualifizieren. Ob-jektiv belanglose Sachen erfĂŒllen nicht die Begriffsbestimmung der gesetzlichen Denkmalbe-griffe. Das Merkmal des öffentlichen Interesses bezweckt indes nicht, dass lediglich herausra-gende Beispiele oder ein besonders typischer Vertreter einer Gattung erhaltenswĂŒrdig i. S. d. Vorschrift wĂ€ren (vgl. Viebrock, in: Martin/ Krautzberger, Denkmalschutz und Denkmalpflege, 3. Auflage 2010, Teil C Rn. 25). GrundsĂ€tzlich kommt es fĂŒr das öffentliche Interesse an der Erhaltung nicht darauf an, dass sich das Objekt in einem guten Erhaltungszustand befindet. Auch ein schlecht erhaltenes Denkmal ist erhaltenswert (vgl. Viebrock, in: Martin/ Krautzberger, Denkmalschutz und Denkmalpflege, 3. Auflage 2010, Teil C Rn. 27). Dem Seltenheitswert wird bei der PrĂŒfung des öffentlichen Erhaltungsinteresses ein primĂ€rer Rang eingerĂ€umt (vgl. Viebrock, in: Martin/ Krautzberger, Denkmalschutz und Denkmalpflege, 3. Auflage 2010, Teil C Rn. 26).
35. Das Interesse der Allgemeinheit am Erhalt der ehemaligen Produktionshalle ergibt sich daher inzident insbesondere aus dem Alleinstellungsmerkmal der ehemaligen Produktionshalle der Firma Deckel.
36. Da die Klage als Klage auf Feststellung des Fehlens von Denkmaleigenschaft umgestellt worden war, wurde die seitens der KlĂ€gerin eingewandte „wirtschaftliche Zumutbarkeit“ pro-zessual nicht mehr thematisiert. In der ersten mĂŒndlichen Verhandlung knapp zwei Jahre vor Urteilsspruch war diese Frage allerdings ausfĂŒhrlich diskutiert und letztlich bejaht worden. Hie-ran Ă€nderte sich auch in der mĂŒndlichen Verhandlung vom Oktober 2015 nichts. Vielmehr jetzt legte die erkennende Kammer der KlĂ€gerin eine mit den Denkmalbehörden (BLfD und Untere Denkmalschutzbehörde) abgestimmte Instandsetzung nahe.
BayVG MĂŒnchen, Urteil, 05.10.2015, AZ: M 8 K 12.3464, Publikationsart:
vgl. BayVGH, Beschluss vom 12.06.2017, Az.: 2 ZB 16.342, BayVBl 2018, 348-350 (Ablehnung des klÀgerischen Antrags auf Zulassung der Berufung)

1 Allgemeine Rechtsfragen
1.1 Eintragung in die Denkmalliste
1.1.1 Eintragungspflicht
1.1.2 Bedeutung
1.1.3 „aus vergangener Zeit“
1.1.4 DenkmalwĂŒrdigkeit
1.1.5 VerÀnderungsfolgen
2 Baudenkmalpflege
2.2 Abbruch
2.2.1 Abbruch eines Einzeldenkmals
2.2.1.1 GrundsÀtze
2.2.5 Sozialbindung, VerhĂ€ltnismĂ€ĂŸigkeit und Zumutbarkeit, Darlegungslast
2.3 Sonstige VerÀnderungen
2.3.1 GrundsÀtze
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Verlust der Denkmaleigenschaft durch Umbau eines GebÀudes
BayVG MĂŒnchen, Urteil, 20.07.2015, AZ: M 8 K 14.3265, Publikationsart: BeckRS 2016, 44794 / http://www.gesetze-bayern.de/Content/Pdf/Y-300-Z-BECKRS-B-2016-N-44794?all=False
BayVG MĂŒnchen - Urteil v. 20.07.2015 - M 8 K 14.3265 - anonym.pdf

1.1 Eintragung in die Denkmalliste
1.1.2 Bedeutung
1.1.3 „aus vergangener Zeit“
1.1.4 DenkmalwĂŒrdigkeit
1.1.5 VerÀnderungsfolgen
2.2 Abbruch
2.2.1 Abbruch eines Einzeldenkmals
2.2.3 Abbruch eines „Nur“-Nicht-Einzeldenkmals im Ensemble
Diese Entscheidung per E-Mail versenden
1. BaudenkmĂ€ler sind bauliche Anlagen oder Teile davon aus vergangener Zeit, deren Erhaltung wegen ihrer geschichtlichen, kĂŒnstlerischen, stĂ€dtebaulichen, wissenschaftlichen oder volkskundlichen Bedeutung im Interesse der Allgemeinheit liegt. Dabei genĂŒgt bereits das Vorliegen eines der gesetzlichen Merkmale, um die Denkmaleigenschaft einer baulichen Anlage anzunehmen.
2. Eine derartige Bedeutung kommt einem Bauwerk zu, wenn es historische Ereignisse oder Entwicklungen heute und fĂŒr zukĂŒnftige Generationen anschaulich macht.
3. Ob dies der Fall ist, ist in der Regel anhand des Wissens- und Erkenntnisstandes von SachverstÀndigen zu beantworten.
4. Insoweit ist vorrangig von den SachverstĂ€ndigenangaben und AusfĂŒhrungen der fachlich entsprechend ausgebildeten Konservatoren des im Freistaat Bayern hierzu gesetzlich berufenen Bayerischen Landesamts fĂŒr Denkmalpflege auszugehen.
5. Ziel des Denkmalschutzes ist es, die Baukultur der Vergangenheit, d. h. die geschichtlichen Zeugnisse zu erhalten. Das Denkmalschutzgesetz ist kein Gesetz zur Ortsbildpflege, sondern zur Erhaltung der historischen Bausubstanz, auch wenn diese von außen her einmal gar nicht sichtbar sein sollte oder wenn diese im Einzelfall Ă€sthetisch bescheiden oder sogar unbefriedigend ist (BayVGH, Urteil vom 03.08.2000, Az.: 2 B 97.1119, juris; Eberl/Martin/Petzet, Bayerisches Denkmalschutzgesetz, 5. Auflage, Art. 1 RdNrn. 59 und 60).
6. Eine denkmalgerechte Sanierung erfordert nicht die Angleichung an das Niveau eines Neubaus.
7. Bei der BerĂŒcksichtigung der Zumutbarkeit der Erhaltung bleiben etwaige Spekulationsinteressen des EigentĂŒmers außer Betracht.
8. Bei der vorzunehmenden Vergleichsrechnung sind nicht die vollen Sanierungsosten anzusetzen, sondern nur die denkmalschutzrechtlich bedingte Erhöhung anzusetzen. Zudem sind alle ZuschĂŒsse oder Erleichterungen in Ansatz zu bringen. Auch sind in der Vergleichsrechnung bei der GegenĂŒberstellung von Erhaltungsaufwand und Rendite nicht die Erwerbskosten des GrundstĂŒcks, wie es die KlĂ€gerin getan hat, einzubeziehen.
9. Folgte man der Argumentation der KlĂ€gerin, dann wĂŒrde jeder, der ein GrundstĂŒck in spekulativer Erwartung seiner höheren Bebaubarkeit zu einem ĂŒberhöhten Preis kauft, mit dem Hinweis auf die deshalb fehlende Rendite und Art. 14 GG ein „Baurecht“ bis zu der Grenze durchsetzen können, ab der eine angemessene Rendite zu erzielen wĂ€re. Ein geradezu abwegiges Ergebnis.
10. Die spekulative Absicht der KlĂ€gerin ergibt sich zudem daraus, dass der Erwerb erfolgte, obwohl die beklagten „desolaten ZustĂ€nde“ bereits im Zeitpunkt des Erwerbs vorhanden waren.
11. VerstĂ€rkt wird dieser Eindruck noch durch die Herausnahme von „antiken“ Inneneinbauten, die den Denkmalwert des GebĂ€udes reduzierte, fĂŒr die aber Liebhaber bereit sind, erhebliche Preise zu zahlen.
12. Unter diesem Blickwinkel ist die im Bußgeldverfahren festgesetzte Geldbuße eher moderat.
13. Im Hinblick auf die Denkmaleigenschaft ist zu prĂŒfen, ob nicht auch Abweichungen bzw. Befreiungen von sonst bauordnungsrechtlich einzuhaltenden Vorschriften gewĂ€hrt werden können.
BayVG MĂŒnchen, Urteil, 23.06.2005, AZ: M 11 K 04.308, Publikationsart: DSI 2005/III, 69 ff. (mit Anm. W. K. Göhner; http://media.w-goehner.de/1.21_-_BayVG_Muenchen_-_Urt._v._23.07.05.pdf) / BeckRS 2005, 38342

1.1 Eintragung in die Denkmalliste
1.1.2 Bedeutung
1.1.3 „aus vergangener Zeit“
1.1.4 DenkmalwĂŒrdigkeit
1.2 ZustÀndigkeiten, Verfahrensfragen
1.3.9 Bauordnungsrechtliche Abweichung
1.5 Sanktionen bei Zuwiderhandeln
1.5.1 Ordnungswidrigkeiten
2 Baudenkmalpflege
2.2.5 Sozialbindung, VerhĂ€ltnismĂ€ĂŸigkeit und Zumutbarkeit, Darlegungslast
2.2.6 Gebundene Entscheidung (PrĂŒfung, Ausgleichsleistungen, Ermessen, AbwĂ€gung)
2.3 Sonstige VerÀnderungen
2.3.2 Ortsgestaltungssatzungen
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1. An der Richtigkeit des angegriffenen Urteils bestehen keine ernstlichen Zweifel im Sinn von § 124 Abs. 2 Nr. 1 VwGO.
2. Das Verwaltungsgericht ist zutreffend davon ausgegangen, dass der beantragte Abbruch des ehemaligen, aus zwei Becken bestehenden Wasserreservoirs mit den Ausmaßen 44 m x 22 m, das zu einem ehemaligen RĂŒstungswerk aus der NS-Zeit gehört und dessen Reste in der Denk-malliste sowohl als Baudenkmal als auch als Bodendenkmal eingetragen sind, einer denkmalschutzrechtlichen Erlaubnis nach Art. 6 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 BayDSchG bedarf, da dieses Teil eines Baudenkmals im Sinn von Art. 1 Abs. 2 Satz 1 BayDSchG ist. Der Erhalt des Baudenkmals „Ehemaliges RĂŒstungswerk im M...“, zu dem das Wasserreservoir zu zĂ€hlen ist, liegt wegen seiner geschichtlichen und wissenschaftlichen Bedeutung im Interesse der Allgemeinheit.
3. BaudenkmĂ€ler sind bauliche Anlagen oder Teile davon aus vergangener Zeit (Art. 1 Abs. 2 Satz 1 BayDSchG), deren Erhaltung wegen ihrer geschichtlichen, kĂŒnstlerischen, stĂ€dtebaulichen, wissenschaftlichen oder volkskundlichen Bedeutung im Interesse der Allgemeinheit liegt (Art. 1 Abs. 1 BayDSchG).
4. Eine „Bedeutung“ in diesem Sinn erfordert zwar nicht, dass das GebĂ€ude Hervorragendes oder Einzigartiges reprĂ€sentiert. Sie setzt jedoch voraus, dass das GebĂ€ude in besonderer Weise geeignet ist, geschichtlich, kĂŒnstlerisch, stĂ€dtebaulich, wissenschaftlich oder volkskundlich Relevantes zu dokumentieren (BayVGH, Urteil vom 16.07.2015, Az.: 1 B 11.2137, juris [Rn. 17]).
5. Denkmalpflege und Denkmalschutz zielen darauf, historische ZusammenhĂ€nge in Gestalt einer baulichen Anlage oder einer Mehrheit baulicher Anlagen in der Gegenwart zu veranschaulichen (vgl. BVerwG, Urteil vom 18.05.2001, Az.: 4 CN 4.00, BVerwGE 114, 247). Die den Denkmalwert begrĂŒndende geschichtliche Bedeutung muss nicht unmittelbar am Objekt ablesbar sein, es kann ausreichen, wenn das Objekt zusammen mit anderen Quellen seinem Betrachter die geschichtlichen ZusammenhĂ€nge vor Augen fĂŒhren kann (vgl. OVG Hamburg, Urteil vom 16.05.2007, Az.: 2 Bf 298.02, NVwZ-RR 2008, 300). Es kommt dabei nicht auf den Erkenntnisstand eines unbefangenen Betrachters, sondern auf den Wissens- und Erkenntnisstand von sachverstĂ€ndigen Betrachtern an (vgl. BayVGH, Beschluss vom 13.05.2015, Az.: 1 ZB 13.1334, BayVBl 2016, 456).
6. Diese Voraussetzungen sind fĂŒr das Denkmal „Ehemaliges RĂŒstungswerk im M...“, zu dem das Wasserreservoir zu zĂ€hlen ist, gegeben. Wie das Verwaltungsgericht ausfĂŒhrlich dargelegt hat, veranschaulicht die Anlage das Terrorregime des Nationalsozialismus und die damit verbundene „Vernichtung durch Arbeit“, indem es das Bestreben dokumentiert, durch Zwangsarbeiter rĂŒcksichtslos innerhalb kĂŒrzester Zeit einen RĂŒstungsgroßbetrieb zu errichten. Der Zulassungsantrag kann diese Beurteilung nicht mit ĂŒberzeugenden Argumenten in Zweifel ziehen.
7. Soweit in der ZulassungsbegrĂŒndung behauptet wird, das Wasserreservoir sei eine rein technische Anlage ohne erkennbare geschichtliche und wissenschaftliche Relevanz, geht die KlĂ€gerin zu Unrecht davon aus, dass sich die Denkmaleigenschaft allein aus dem Wasserreservoir herleiten muss. Denn das Wasserreservoir ist Teil eines Baudenkmals, das den gesamten Bereich des ehemaligen RĂŒstungswerks und die hiervon verbliebenen Reste umfasst. Die Denkmalbedeutung erwĂ€chst aus dem Bezug des Wasserreservoirs auf den Gesamtkomplex (vgl. Stellungnahme des Bayerisches Landesamts fĂŒr Denkmalpflege vom 01.07.2014; Bl. 201 der Behördenakte).
8. Ergibt sich die Denkmalbedeutung aus einem Gesamtkomplex baulicher Anlagen, so sind diese als einheitliches Denkmal zu behandeln (vgl. Martin in Martin/ Krautzberger, Handbuch Denkmalschutz und Denkmalpflege, 4. Aufl. 2017, S. 187 [Rn. 164]). Auch voneinander rÀumlich getrennte, als Einzelanlagen sichtbare bauliche Anlagen können in ihrer Mehrheit ein Baudenkmal im Sinn von Art. 1 Abs. 2 Satz 1 BayDSchG darstellen, wenn die Denkmaleigenschaft gerade durch den Zusammenhang der baulichen Anlagen anzunehmen ist (so auch zum vergleichbaren Denkmalbegriff des nordrhein-westfÀlischen Denkmalrechts: OVG Nordrhein-Westfalen, Urteil vom 17.12.1999, Az.: 10 A 606.99, juris [Rn. 29]).
9. Dementsprechend wurde das gesamte ehemalige RĂŒstungswerk als einheitliches Baudenkmal in die Denkmalliste eingetragen. Durch die Dimension des Wasserreservoirs selbst und die Entfernungen zu den ĂŒbrigen Bunkerresten wird das Ausmaß des ehemaligen RĂŒstungswerks deutlich und damit auch die geschichtliche Bedeutung des Denkmals. Das Verwaltungsgericht hat zu diesen Dimensionen ausgefĂŒhrt, dass die Anlagen den Versuch der Nationalsozialisten verdeutlichen, innerhalb kĂŒrzester Zeit durch Zwangsarbeiter rĂŒcksichtslos einen RĂŒstungsgroßbetrieb zu errichten. Darin liegt die geschichtliche Bedeutung der Anlage.
10. Diese Bedeutung wird unabhĂ€ngig vom derzeitigen Erhaltungszustand und dem Umstand erkennbar, dass aus Sicht der KlĂ€gerin bedeutendere Teile des Gesamtkomplexes beseitigt wurden. Nachdem es fĂŒr die Denkmaleigenschaft auf die Beurteilung durch einen sachverstĂ€ndigen Betrachter ankommt (vgl. BayVGH, Beschluss vom 13.5.2015, Az.: 1 ZB 13.1334, BayVBl 2016, 456), schmĂ€lert das Fehlen frĂŒher vorhandener, möglicherweise fĂŒr den Laien besser verstĂ€ndlicher Anlagenteile den Denkmalwert des verbliebenen Denkmals nicht. Vielmehr ist der Erhalt der noch vorhandenen Reste der Gesamtanlage auch wegen des Verlusts anderer Teile nötig, um die rĂ€umliche Ausdehnung weiter zu dokumentieren.
11. Ein Anspruch auf Gleichbehandlung mit frĂŒheren Beseitigungen besteht angesichts der erforderlichen Beurteilung des Einzelfalls nicht (vgl. BayVGH, Beschluss vom 04.09.2012, Az.: 2 ZB 11.587, juris [Rn. 14]).
12. Der Zulassungsantrag vermag auch insofern keine ernstlichen Zweifel an der Richtigkeit der erstinstanzlichen Entscheidung zu begrĂŒnden, als geltend gemacht wird, das Verwaltungsgericht habe ohne nĂ€here PrĂŒfung angenommen, das Wasserreservoir sei schon fĂŒr die Errichtung der Flugzeugmontagehalle genutzt worden, da es durch eine Lorentrasse mit dieser verbunden gewesen sei. Eine solche Aussage enthĂ€lt das angegriffene Urteil nicht. Vielmehr wird in dem Urteil lediglich die Vermutung geĂ€ußert, dass das Wasserreservoir auch beim Bau der Flugzeugmontagehalle genutzt worden sein könnte (vgl. BayVG MĂŒnchen, Urteil vom 05.04.2016, Az.: 1 K 15.1167, https://www.w-goehner.de/rechtsprechungsuebersicht/direktlink.php?id=216: „liegt es nahe, dass das Wasser aus dem Reservoir zur Errichtung der Bunkeranlage verwendet wurde“ [Urteilsausfertigung Seite 6 unten]). Das Verwaltungsgericht hat die konkrete Funktion des Reservoirs indes ausdrĂŒcklich offen gelassen, da es auch fĂŒr den Fall der bloßen Nutzung als Löschwasserbecken die Denkmaleigenschaft bejaht hat (Urteilsausfertigung Seite 7).
13. Es ist fĂŒr die Denkmaleigenschaft des Gesamtkomplexes sowie des streitgegenstĂ€ndlichen Teils nicht relevant, wenn die Mauern des Wasserreservoirs eingewachsen und auch von öffentlichen Wegen nicht einsehbar sind. Art. 6 Abs. 1 Satz 1 BayDSchG schĂŒtzt „das ĂŒberlieferte Erscheinungsbild“ eines Baudenkmals unabhĂ€ngig davon, ob sich der Betrachter auf öffentlichem Grund oder Privatgrund befindet. Auf die Einsehbarkeit vom öffentlichen Grund aus kommt es daher nicht an (vgl. BayVGH, Beschluss vom 13.05.2015, Az.: 1 ZB 13.1334, BayVBl 2016, 456; BayVGH, Beschluss vom 12.06.2017, Az.: 2 ZB 16.342, juris [Rn. 5]).
14. Ernstliche Zweifel an der Entscheidung des Verwaltungsgerichts lassen sich auch nicht mit der Nichtbeanstandung der Ermessensentscheidung des Beklagten begrĂŒnden. Sie ergeben sich nicht auf Grund der Behauptung, das Verwaltungsgericht habe die Bedeutung der im Jahr 1995 erteilten Erlaubnis zum Abbruch des Wasserreservoirs nicht hinreichend behandelt. Die BerĂŒcksichtigung einer frĂŒheren, mittlerweile abgelaufenen Genehmigung kommt im Rahmen der PrĂŒfung der Tatbestandsvoraussetzungen des Erlaubnisanspruchs nicht in Betracht, da es keinen Anspruch auf Wiederholung einer frĂŒheren Beurteilung gibt, wenn die Genehmigung keine Wirkung mehr entfaltet. Eine Bindungswirkung der durch Fristablauf erloschenen Genehmigung scheidet ebenso wie ein Vertrauensschutz aus (Art. 43 Abs. 2 BayVwVfG; vgl. zur Baugenehmigung: BayVGH, Beschluss vom 16.03.2017, Az.: 9 ZB 15.948, BayVBl 2017, 710; Decker in Simon/ Busse, BayBO, Stand Oktober 2017, Art. 69 Rn. 71 m. w. N.).
15. Die behauptete unzureichende oder unzutreffende BerĂŒcksichtigung der Erweiterungsmöglichkeiten der KlĂ€gerin kann Zweifel an der Richtigkeit der Entscheidung des Verwaltungsgerichts ebenfalls nicht begrĂŒnden. Das Verwaltungsgericht trifft selbst keine Ermessensentscheidung, sondern ĂŒberprĂŒft lediglich die durch den Beklagten im streitgegenstĂ€ndlichen Bescheid getroffene Ermessensentscheidung. Eine AbwĂ€gung sĂ€mtlicher Interessen im Urteil ist daher nicht angezeigt. Im streitgegenstĂ€ndlichen Bescheid wurde das Gewicht der Erweiterungsinteressen der KlĂ€gerin umfangreich behandelt.
16. Das Verwaltungsgericht hat ausdrĂŒcklich dargelegt, dass die dort vorgenommene Interessensgewichtung nicht zu beanstanden sei (Urteilsausfertigung Seite 11). Es ist zudem auch nicht tragend davon ausgegangen, dass eine Erweiterung der LagerflĂ€che des Betriebs der KlĂ€gerin baurechtlich nicht zu realisieren sei. AusdrĂŒcklich hat es vielmehr ausgefĂŒhrt, dass die Versagung der Erlaubnis auch unabhĂ€ngig von der baurechtlichen ZulĂ€ssigkeit des Lagerplatzes nicht unverhĂ€ltnismĂ€ĂŸig sei (Urteilsausfertigung Seite 13 oben).
17. Zu Recht wird im Urteil bei der VerhĂ€ltnismĂ€ĂŸigkeitsprĂŒfung maßgeblich darauf abgestellt, dass die GesamtflĂ€che des Betriebs der KlĂ€gerin inklusive des BaugrundstĂŒcks etwa 53.000 mÂČ betrĂ€gt, wĂ€hrend die durch das Denkmal insgesamt in Anspruch genommene FlĂ€che mit ca. 2.000 mÂČ und einer noch geringeren FlĂ€che des Wasserreservoirs im VerhĂ€ltnis hierzu gering ist. Ob das Vorhaben der KlĂ€gerin, kĂŒnftig das Lager auf die FlĂ€che des Denkmals zu erweitern, realisiert werden kann, brauchte deshalb nicht geklĂ€rt zu werden.
18. DarĂŒber hinaus kann auch der Senat keine besondere SchutzwĂŒrdigkeit der Erweiterungsinteressen der KlĂ€gerin erkennen, da die KlĂ€gerin das BaugrundstĂŒck erworben hat, obwohl dem VoreigentĂŒmer zuletzt mit Bescheid vom 11.04.1996 die Erlaubnis zum Abbruch versagt worden war.
BayVGH, Beschluss, 11.01.2018, AZ: 1 ZB 16.1358, Publikationsart: BeckRS 2018, 487
vgl. BayVG MĂŒnchen, Urteil vom 05.04.2016, Az.: 1 K 15.1167, BeckRS 2016, 48469
BayVGH - Beschluss v. 11.01.2018 - 1 ZB 16.1358 - anonym..pdf

1 Allgemeine Rechtsfragen
1.1 Eintragung in die Denkmalliste
1.1.1 Eintragungspflicht
1.1.2 Bedeutung
1.1.3 „aus vergangener Zeit“
1.1.4 DenkmalwĂŒrdigkeit
1.1.5 VerÀnderungsfolgen
1.1.7 Folgen fĂŒr das Eigentum
1.2.1 Schutz- und Erhaltungspflichten
1.3 Bauplanungsrecht, Bauleitplanung, Bauordnungsrecht
2 Baudenkmalpflege
2.2 Abbruch
2.2.1 Abbruch eines Einzeldenkmals
2.2.1.1 GrundsÀtze
2.2.4 Gewichtige GrĂŒnde des Denkmalschutzes
2.2.5 Sozialbindung, VerhĂ€ltnismĂ€ĂŸigkeit und Zumutbarkeit, Darlegungslast
2.2.6 Gebundene Entscheidung (PrĂŒfung, Ausgleichsleistungen, Ermessen, AbwĂ€gung)
2.5 Erhaltungs- und Sicherungspflichten
3 Bodendenkmalpflege
3.1 Unterschutzstellung
3.1.1 Umgrenzung, Ausdehnung, Begrenzung, Nachweis
3.2 VerÀnderungen, Zerstörungen, Pflichten
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1. Eine bauliche Anlage stammt dann „aus vergangener Zeit“ i. S. v. Art. 1 I, II 1 BayDSchG, wenn es einer abgeschlossenen, historisch gewordenen Epoche zuzurechnen ist.
2. Von Gesetzes wegen verfolgt der Denkmalschutz nicht das Anliegen, auch schon in jĂŒngerer oder gar jĂŒngster Zeit entstandene bauliche Anliegen unverĂ€ndert zu erhalten, die stĂ€dtebaulich oder kĂŒnstlerisch besonders gelungen erscheinen, so wĂŒnschenswert dies auch i. S. einer anspruchsvollen Baukultur sein mag. Eine derartige „begleitende“ oder „nacheilende“ Qualifizierung solcher Bauwerke als BaudenkmĂ€ler entspricht nicht der in der bayerischen Verfassung (Art. 141 II BV) verankerten originĂ€ren Aufgabe des Denkmalschutzes, die, auf die kĂŒrzestmögliche Formel gebracht, lautet: „Lebendigerhaltung des historischen Erbes“.
3. Durch den im Rahmen des Architekturprojektes „Bauen im Bestand“ konzeptionell in den vorhandenen Denkmalbestand (Jugendstilvilla mit Park) „hineinkomponierten“ Holzpavillon mit VerbindungsbrĂŒcke zur Jugendstilvilla entstand dennoch kein neues „Gesamtdenkmal“. Allerdings liegt ein sog. „NĂ€hefall“ nach Art. 6 I 2 BayDSchG vor.
BayVGH, Urteil, 28.05.2009, AZ: 2 B 08.1971, Publikationsart: NVwZ-RR 2009, 793-795 / BayVBl. 2010, 110-112 / juris / EzD 2.2.6.4 Nr. 47 (Anm. F. Koehl, S. 5-6)

1.1 Eintragung in die Denkmalliste
1.1.3 „aus vergangener Zeit“
2.4 VerÀnderungen in der Umgebung
2.4.1 Inhaltliche NĂ€he
2.4.1.1 GrundsÀtze
2.4.1.4 Umgebender Park, Garten, etc.
2.4.1.5 Unbewegliche Anlagen in der Umgebung
2.4.1.7 Nachteilige VerÀnderungen des Orts- und Landschaftsbilds (Umgebung / Freiraum / Sichtbeziehungen vom und zum Denkmal)
2.4.2 RĂ€umliche NĂ€he (Entfernung)
2.4.3 ÜberprĂŒfbarkeit der NĂ€hefeststellung
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1. Die 1962 erbaute Corvinuskirche ist entgegen dem Urteil des VG Hannover vom 26.02.2013, Az.: 4 A 734/12, juris wegen ihrer insbesondere kirchengeschichtliche Bedeutung unverÀndert Baudenkmal.
2. Der Bau habe zwar keine Epoche begrĂŒndende oder beendende Wirkung, stelle aber einen "Stein gewordenen Ausdruck" eines wichtigen Zwischenschrittes der Kirchenbauentwicklung dieser Epoche dar.
3. Das Ă€ußere sich etwa im zeltartigen Dach, dem separat stehenden Glockenturm, dem fĂŒnfeckigen Zentralbau oder der Wahl bewusst schlicht gehaltener Materialien, teils in Anlehnung an Industriebauten.
4. Eine Revision zum Bundesverwaltungsgericht wurde nicht zugelassen.
OVG Niedersachsen, Urteil, 04.12.2014, AZ: 1 LC 106/13, Publikationsart:

1.1 Eintragung in die Denkmalliste
1.1.1 Eintragungspflicht
1.1.2 Bedeutung
1.1.3 „aus vergangener Zeit“
1.1.4 DenkmalwĂŒrdigkeit
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1. Auf Antrag der Kirchengemeinde nach § 4 Abs. 5 NDSchG, die nach dem 30. September 2011 erfolgte Eintragung des KirchengebĂ€udes nebst Glockenturm (Nachkriegskirchenbau er 1950/60 er Jahre) in das Verzeichnis der BaudenkmĂ€ler zu ĂŒberprĂŒfen, bedarf der Feststellung der Eigenschaft als Baudenkmal an Hand von § 3 Abs. 2 NDschG.
2. Dabei steht der mit besonderem Sachverstand ausgestatteten staatlichen Denkmalfachbehörde bei der Feststellung der Denkmaleigenschaft nach § 4 Abs. 5 NDSchG ein Beurteilungsspielraum zu, da § 4 Abs. 5 NDSchG der außerhalb des Systems der staatlichen Denkmalschutzbehörden stehenden Fachbehörde eine eigenstĂ€ndige Kompetenz zum Erlass feststellender Verwaltungsakte zugewiesen hat. § 4 Abs. 5 NDSchG vermittelt eine sog. BeurteilungsermĂ€chtigung, da der zu treffenden Entscheidung in hohem Maße wertende Elemente anhaften und das Gesetz fĂŒr sie deshalb ein besonderes Verwaltungsorgan, hier die Denkmalfachbehörde, fĂŒr zustĂ€ndig erklĂ€rt, das weisungsfrei, mit besonderer fachlicher Legitimation und in einem besonderen Verfahren entscheidet.
3. Ob einem Bauwerk DenkmalqualitĂ€t zukommt, ist nach dem Urteil eines sachverstĂ€ndigen Betrachters zu entscheiden, dessen Maßstab von einem breiten Kreis von SachverstĂ€ndigen getragen wird (so OVG Niedersachsen, Urteil vom 23.08.2012, Az.: 12 LB 170/11, juris m. w. N. hins. der st. Rspr). Eine fachgerechte EinschĂ€tzung kann nur mit Blick auf die historischen und baugeschichtlichen HintergrĂŒnde des zu schĂŒtzenden Baudenkmals in seiner Epoche fundiert abgegeben werden. Über den Begriff des „öffentlichen Interesses“ fordert sie aber auch die BerĂŒcksichtigung gegenlĂ€ufiger Interessen, wie etwa die Erhaltungspflicht des EigentĂŒmers, die optimale Nutzung der nur begrenzt vermehrbaren bebaubaren FlĂ€che oder der nur begrenzt zur VerfĂŒgung stehenden öffentlichen Gelder fĂŒr den Denkmalschutz (vgl. hierzu Wiechert in Schmalz/Wiechert, NDSchG, 2. Aufl. 2011, § 3 Rn 37). Sie erfordert daher neben hoher Sachkunde einen ĂŒber den Einzelfall hinausreichenden Überblick und die FĂ€higkeit, unterschiedliche denkmalwĂŒrdige Bauwerke ihrer Wertigkeit entsprechend einzuordnen. Da dem Beklagten nach § 21 Abs. 1 NDSchG die Erfassung, Erforschung und Dokumentation aller Kulturdenkmale in Niedersachsen obliegt und er die wissenschaftlichen Grundlagen fĂŒr die Denkmalpflege zu schaffen hat, verfĂŒgt er ĂŒber das erforderliche Fachwissen und langjĂ€hrige Erfahrung. Er vermittelt in Niedersachsen in erster Linie das fĂŒr die denkmalrechtliche Bewertung eines Bauwerkes erforderliche Fachwissen (so st. Rspr. des OVG Niedersachsen, Urteil vom 26.11.1992, Az.: 6 L 24/90, juris m. w. N.).
4. Der Beklagte als Fachbehörde steht dem Gericht in Streitigkeiten nach § 4 Abs. 5 NDSchG in der Funktion als „SachverstĂ€ndiger“ nicht zur VerfĂŒgung, da er selbst als handelnde Behörde am Verfahren beteiligt ist. Der streitgegenstĂ€ndliche feststellende Verwaltungsakt verkörpert hier seine in den sonstigen StreitfĂ€llen als Fachbehörde abgegebene gutachterliche Stellungnahme zur Denkmaleigenschaft eines Bauwerkes. Es ist daher sachgerecht, der Denkmalfachbehörde fĂŒr die in eigener Kompetenz getroffene Feststellung der Denkmaleigenschaft eines Bauwerkes einen Beurteilungsspielraum einzurĂ€umen.
5. Dennoch hĂ€lt die Entscheidung der Denkmalfachbehörde der nach § 114 VwGO nur eingeschrĂ€nkten NachprĂŒfung nicht Stand. Hinsichtlich der angenommenen besonderen bau- und kunstgeschichtlichen Bedeutung der streitgegenstĂ€ndlichen Kirche hat der Beklagte den Sachverhalt nicht vollstĂ€ndig ermittelt. Den Gesetzesbegriff „stĂ€dtebauliche Bedeutung“ hat der Beklagte verkannt. Der Frage, ob der Kirche eine wissenschaftliche Bedeutung außerhalb der Disziplinen Bau- und Kunstgeschichte zukommt, die ein öffentliches Interesse an ihrem Erhalt begrĂŒnden könnte, muss die Kammer nicht nachgehen. Denn auf diesen Aspekt hat der Beklagte seine Entscheidung ĂŒber die Denkmaleigenschaft der Kirche weder in der angefochtenen Entscheidung noch in der mĂŒndlichen Verhandlung gestĂŒtzt.
6. Einem Bauwerk kommt kunstgeschichtliche Bedeutung zu, wenn es ein charakteristischer Vertreter einer historischen Kunstgattung oder Stilepoche ist und als solcher die Entwicklung der Baukunst ablesbar macht. FĂŒr die Kunst ist es bedeutsam, wenn es das Ă€sthetische Empfinden in besonderem Maße anspricht oder mindestens den Eindruck vermittelt, dass etwas nicht AlltĂ€gliches oder eine Anlage mit Symbolgehalt geschaffen worden ist (so BVerwG, Urteil vom 24. Juni 1960, Az.: VII C 205.59, juris).
. 7Das Bauwerk setzt ein kĂŒnstlerisches Konzept gelungen um und ist daher um seiner selbst willen - also auch als Gemeinschaftsproduktion mehrerer Architekten - bedeutsam. Eine bau- und kunstgeschichtliche Bedeutung ist der Krche insoweit nicht abzusprechen; sie ist in diesem Sinne durchaus denkmalfĂ€hig.
8. Allerdings beruht die Annahme der Denkmalfachbehörde, am Erhalt der Kirche bestehe deshalb ein besonderes öffentliches Interesse, jedoch auf einer unzureichenden TatsachenaufklÀrung, weil eine Inventarisierung und wissenschaftliche Erforschung der Vielzahl noch existierender Nachkriegskirchenbauten noch nicht ansatzweise vorliegt.
9. Das Merkmal des öffentlichen Interesses erfĂŒllt in Bezug auf die weitgefassten Voraussetzungen der DenkmalfĂ€higkeit eine Korrektivfunktion und dient der Ausgrenzung denkmalpflegerisch unbedeutender, nur aufgrund individueller Vorlieben fĂŒr denkmalwĂŒrdig gehaltener Objekte. Es bedarf deshalb in Bezug auf das konkrete Schutzobjekt einer Bewertung des Ranges seiner denkmalpflegerischen Bedeutung.
10. NaturgemĂ€ĂŸ kommt in diesem Zusammenhang dem "Seltenheitswert" eines Bauwerkes besondere Bedeutung zu. Er kann es rechtfertigen, aus einer Vielzahl vergleichbarer Objekte bestimmte Schutzobjekte als erhaltungswĂŒrdig herauszuheben (so OVG Niedersachsen, Urteil vom 26. MĂ€rz 1999, Az.: 1 L 1302/97, juris).
11. Kirchenbauten der 50/60er Jahre sind nicht selten; allein in Hannover gibt es an die 30 Bauwerke dieser Epoche, landesweit um ein Vielfaches mehr. All diese Kirchen setzen die oben genannten Gestaltungsmerkmale ihrer Stilepoche mehr oder weniger gelungen um und selbst die Denkmalfachbehörde geht davon aus, dass nicht jede dieser Kirchen erhaltenswert ist.
12. Um ein öffentliches Interesse am Erhalt gerade der streitgegenstĂ€ndlichen Kirche begrĂŒnden zu können, mĂŒsste die Denkmalfachbehörde also eine hochrangige denkmalpflegerische Bedeutung dieser Kirche feststellen können, die sie aus der Vielzahl der Kirchenbauten dieser Epoche heraushebt. Dies ist aber ohne eine denkmalfachliche Inventarisierung und Bewertung zumindest eines ĂŒberwiegenden Anteils der ĂŒbrigen vorhandenen 50/60er Jahre Kirchen vernĂŒnftigerweise nicht möglich.
13. Die wissenschaftliche BeschĂ€ftigung mit den Kirchenbauten dieser Stilepoche steht erst ganz am Anfang. Erst acht Bauwerke aus dieser Zeit sind landesweit in das Verzeichnis der Baudenkmale eingetragen, es existiert eine - unvollstĂ€ndige - Vorschlagsliste der Architektenkammer und die Denkmalfachbehörde gesteht zu, dass angesichts der Vielzahl der Bauten eine weitere Erfassung und Unterschutzstellung als wichtige denkmalfachliche Aufgabe fĂŒr die nĂ€chsten Jahre anstehe. Damit fehlt jedoch die Basis, auf der der Rang der denkmalpflegerischen Bedeutung der streitgegenstĂ€ndlichen Kirche beurteilt werden kann (vgl. dazu OVG Niedersachsen, Urteil vom 14. Oktober 1982, Az.: 6 A 123/80, BRS 39, Nr. 135).
14. Ein „absolutes“ Alleinstellungsmerkmal, das die besondere Bedeutung der streitgegenstĂ€ndlichen Kirche auch ohne eine vergleichende Untersuchung begrĂŒnden könnte, liegt nicht vor. Die Gestaltung der Kirche ist nicht in dem Sinne beispielgebend, dass sie stilbildend auf ihre Epoche eingewirkt hĂ€tte. Die Kirche nimmt vielmehr Gestaltungselemente anderer wegweisender Kirchen auf, etwa die der von Oesterlen geschaffenen St. Martinskirche in Linden. Ihr Erbauer ist architekturgeschichtlich auch nicht so bedeutsam, dass die Corvinuskirche allein aus diesem Grund wie etwa das Erstlingswerk eines ĂŒberragenden Architekten eine Sonderstellung einnehmen könnte. Eine derartige Sonderstellung erwĂ€chst der Kirche auch nicht aus dem Umstand, dass der Beklagte auf Anregung der Tochter des Architekten mit der Eintragung der Kirche auf die VerĂ€ußerungswĂŒnsche der KlĂ€gerin und damit einhergehende VerĂ€nderungs- bzw. AbrissplĂ€ne reagiert hat.
15. Die Denkmalfachbehörde möchte die bauliche Substanz zunĂ€chst sichern, um die Kirche spĂ€ter in einem Gesamtzusammenhang mit den anderen KirchengebĂ€uden der Epoche bewerten zu können. Es wĂ€re aber ein Zirkelschluss anzunehmen, allein der Wunsch, die bauliche Substanz fĂŒr die wissenschaftliche Bewertung einer etwa gegebenen Sonderstellung der Kirche zu erhalten, könne diese Sonderstellung bereits ausmachen. Zu einem derartigen Zweck bietet z. B. das von einer konstitutiven Wirkung der Eintragung in die Denkmalliste ausgehende Denkmalschutzgesetz Baden-WĂŒrttemberg den vorlĂ€ufigen Schutz nach § 17. Danach kann die höhere Denkmalschutzbehörde anordnen, dass Sachen, Sachgesamtheiten oder Teile von Sachen, mit deren Eintragung als Kulturdenkmal in das Denkmalbuch zu rechnen ist, vorlĂ€ufig als eingetragen gelten. Die Anordnung tritt außer Kraft, wenn die Eintragung nicht binnen eines Monats eingeleitet und spĂ€testens nach sechs Monaten bewirkt wird. Eine derartige Möglichkeit, ein in Frage kommendes Baudenkmal zunĂ€chst fĂŒr eine eingehende Bewertung zu sichern, bietet das NiedersĂ€chsische Denkmalschutzgesetz jedoch nicht. Es dĂŒrfte im Regelfall auch nicht erforderlich sein, weil der Eintragung eines Bauwerkes in die Denkmalliste nur deklaratorische Bedeutung zukommt, § 5 Abs. 1 Satz 1 NDSchG.
16. Entgegen der Auffassung des Beklagten besteht am Erhalt der streitgegenstĂ€ndlichen Kirche wegen stĂ€dtebaulicher Bedeutung jedenfalls kein besonderes öffentliches Interesse. Den Begriff „stĂ€dtebauliche Bedeutung“ im Sinne des § 3 Abs. 2 NDSchG hat der Beklagte verkannt. StĂ€dtebauliche Bedeutung kommt einer Anlage zu, wenn sie durch ihre Anordnung oder Lage in der Örtlichkeit, durch ihre Gestaltung fĂŒr sich allein oder zusammen mit anderen Anlagen den historischen Entwicklungsprozess einer Stadt oder Siedlung in nicht unerheblicher Weise bestimmt (BayVGH, Beschluss vom 4. September 2012, Az.: 2 ZB 11.587, juris), das GebĂ€ude mithin zu einer stadtgeschichtlichen oder stadtentwicklungsgeschichtlichen Unverwechselbarkeit fĂŒhrt (so OVG ThĂŒringen, Urteil vom 30. Oktober 2003, Az.: 1 KO 433/00, juris m. w. N. hinsichtl. der Rspr. des OVG Sachsen und des OVG Berlin-Brandenburg). Der Verweis des Beklagten darauf, dass die Kirche durch ihre exponierte Stellung auf einem EckgrundstĂŒck, ihre Gestaltung als SolitĂ€rbau und ihrem hohen freistehenden Glockenturm einen stĂ€dtebaulichen Akzent setzt, reicht insoweit nicht aus.
VG Hannover, Urteil, 26.02.2013, AZ: 4 A 734/12, Publikationsart: juris
1) Berufung wegen grundsÀtzlicher Bedeutung zugelassen, 2) Das erstinstanzliche Urteil wurde wegen der geschichtlichen Bedeutung der 1962 erbauten Kirche aufgehoben (OVG Niedersachsen, Urteil vom 04.12.2014, Az.: 1 LC 106/13).

1.1 Eintragung in die Denkmalliste
1.1.1 Eintragungspflicht
1.1.2 Bedeutung
1.1.3 „aus vergangener Zeit“
1.1.4 DenkmalwĂŒrdigkeit