zurück zur Übersicht
zur Suche

2.4.3 ÜberprĂŒfbarkeit der NĂ€hefeststellung

Diese Entscheidung per E-Mail versenden
1. Die ungestörte ReligionsausĂŒbung (Art. 4 Abs. 2 GG) wird wohl kaum einmal durch den Anblick einer 1,8 km entfernten Windkraftanlage beeintrĂ€chtigt sein.
2. Vorliegend geht es aber nicht um die ungestörte ReligionsausĂŒbung, sondern um Denkmal- und Eigentumsschutz (Art. 14 Abs. 1 Satz 1 GG). Die vom Verwaltungsgericht ausgefĂŒhrte Bedeutung der Kirche St. Sebastian ist nicht nur religiöser, sondern auch geschichtlicher, kĂŒnstlerischer, stĂ€dtebaulicher und volkstĂŒmlicher Art. Die Kirche hat als GrabstĂ€tte der Seligen Edigna jedenfalls auch geschichtliche Bedeutung und als HauptverehrungsstĂ€tte dieser Frau auch volkstĂŒmliche Bedeutung, wenngleich beschrĂ€nkt auf die nĂ€here Umgebung. Die herausgehobene topographische Lage hat stĂ€dtebauliche Bedeutung. Die Blickbeziehung von Bruck nach Puch ist jedenfalls auch von kĂŒnstlerischer und stĂ€dtebaulicher Bedeutung.
3. BezĂŒglich des PrĂŒfkriteriums aus der Rechtsprechung des BayVGH, wonach es wesentlich auf den Denkmalwert eines Baudenkmals ankommt, wenn die Frage der Erheblichkeit einer BeeintrĂ€chtigung beantwortet werden muss (Urteil vom 18.07.2013, Az.: 22 B 12.1741, BeckRS 2013, 54626 [Rn. 26 ff.]). Bei einem Baudenkmal von herausragender Bedeutung kann eher eine erhebliche BeeintrĂ€chtigung angenommen werden und können eher gewichtige GrĂŒnde des Denkmalschutzes fĂŒr eine unverĂ€nderte Beibehaltung des bisherigen Zustands sprechen. Als etwas Besonderes werden die herausgehobene topographische Lage und die historische Blickbeziehung von Bruck nach Puch gesehen.
4. Nicht jedes Aufragen einer Windkraftanlage hinter einem Zwiebelturm stellt eine erhebliche BeeintrĂ€chtigung eines Baudenkmals dar und mĂŒsste aus gewichtigen GrĂŒnden des Denkmalschutzes und aus GrĂŒnden des Schutzes des DenkmaleigentĂŒmers unterbleiben. Ob der Maßstab der Erheblichkeit ĂŒberschritten ist, ist jeweils an Hand des Einzelfalls zu beurteilen (vgl. auch BayVGH, Urteil vom 24.01.2013, Az.: 2 BV 11.631, BayVBl 2013, 471/472). Hinzutretende Anlagen mĂŒssen sich an dem Maßstab messen lassen, den das Denkmal gesetzt hat, und dĂŒrfen es nicht gleichsam erdrĂŒcken, verdrĂ€ngen, ĂŒbertönen oder die gebotene Achtung gegenĂŒber den Werten außer Acht lassen, welche dieses Denkmal verkörpert (BayVGH, Urteil vom 25.06.2013, Az.: 22 B 11.701, BeckRS 2013, 54624 [Rn. 32]). Es braucht sich dabei nicht um einen extremen Ausnahmefall zu handeln.
5. Das BayVG MĂŒnchen hat erstinstanzlich erkannt, dass das Wesen, das ĂŒberlieferte Erscheinungsbild oder die kĂŒnstlerische Wirkung in Gestalt der historischen Blickbeziehung Bruck - Puch besonders gestört werde. Die besondere Blickbeziehung von Osten bzw. SĂŒdosten werde erheblich beeintrĂ€chtigt. Die Windkraftanlage verdrĂ€nge gleichsam die Kirche und lasse in schwerwiegender Weise die gebotene Achtung gegenĂŒber den in dieser Kirche verkörperten Werten vermissen. Das BayVG MĂŒnchen konnte sich hier in rechtlich nicht zu beanstandender Weise auf die Stellungnahmen des Bayerischen Landesamts fĂŒr Denkmalpflege stĂŒtzen.
6. Die optischen Wirkungen der bereits errichteten Windkraftanlage in Mammendorf können hier nicht den Ausschlag geben, weil diese Windkraftanlage von der Kirche St. Sebastian „viel weiter entfernt“ ist. Das Bayerische Landesamt fĂŒr Denkmalpflege verwendete zwar nicht den Begriff der „landschaftprĂ€genden Eigenschaft“, fĂŒhrte aber doch aus, dass von Bruck her die eiszeitliche Flussterrasse mit der krönenden Kirche besonders in Erscheinung trete. Die strittige Windkraftanlage werde daher von der fußlĂ€ufigen Verbindung (von Osten her) neben dem Kirchturm und konkurrierend zu diesem markant in Erscheinung treten. Die strittige Windkraftanlage wirke sich so ĂŒberaus störend auf die historische Blickbeziehung von Bruck nach Puch aus. Gerade auch die rotierenden FlĂŒgel befĂ€nden sich in krassem Gegensatz zur statischen Ruhe eines Kirchturms. Durch die Bewegung des Windrads nehme der Betrachter eine BeeintrĂ€chtigung noch viel stĂ€rker wahr, als es bei einer BeeintrĂ€chtigung z. B. durch einen Hochspannungsmast der Fall sei.
7. Dass die Untere Denkmalschutzbehörde, nĂ€mlich das Landratsamt (Art. 11 Abs. 1 BayDSchG), anderer Auffassung ist als das Bayerische Landesamt fĂŒr Denkmalpflege, spielt mangels vergleichbarer fachlicher Kompetenz keine entscheidende Rolle. Das Bayerische Landesamt fĂŒr Denkmalpflege ist „die“ staatliche Fachbehörde fĂŒr alle Fragen des Denkmalschutzes und der Denkmalpflege (Art. 12 Abs. 1 BayDSchG).
8. Das Vorhandensein eines historischen Pilgerwegs lĂ€sst sich aus dem Akteninhalt und den Stellungnahmen des Bayerischen Landesamts fĂŒr Denkmalpflege nicht eindeutig ableiten, am ehesten noch aus dem eingeholten Parteigutachten. Entscheidungserheblich ist dieser Umstand aber nicht.
9. Nach der Rechtsprechung des BayVGH ist es von wesentlicher Bedeutung, ob ein Baudenkmal bewusst in eine bestimmte Landschaft hinein komponiert wurde, ob seine Umgebung so gestaltet wurde, dass sie sich auf das Baudenkmal bezieht, um die mit ihm verfolgte kĂŒnstlerische Absicht zu verdeutlichen und zu verstĂ€rken (BayVGH, Urteil vom 25.06.2013, Az.: 22 B 11.701, BeckRS 2013, 54624 [Rn. 40]). Es kommt insofern darauf an, ob ein GebĂ€ude bei seiner erstmaligen Errichtung oder bei einer denkmalschutzrechtlich relevanten Umgestaltung so konzipiert wurde, dass es auf das Vorhandensein bestimmter Sichtachsen angelegt wurde (BayVGH, Urteil vom 25.06.2013, Az.: 22 B 11.701, a. a. O. [Rn. 41]). Es kann also sein, dass es nach dem zugrunde liegenden architektonischen Konzept gerade auf eine bestimmte Blickbeziehung zu einer Kirche bzw. einem Kirchturm besonders ankommt, z. B. von einem ganz bestimmten Zugangsweg aus. Es mag also der Kirchenbau so konzipiert worden sein, dass der Blick der GlĂ€ubigen beim Zugang zur Kirche auf den Kirchenbau als Verkörperung ihres Glaubens fĂ€llt und eben nicht auf eine Windkraftanlage.
10. In einem allgemeineren Sinn ist von einer derartigen Konzeption bei AnnĂ€herung von Osten und SĂŒdosten zur Kirche St. Sebastian auszugehen, insbesondere bei fußlĂ€ufiger AnnĂ€herung aus diesem Bereich, also auf eine typische AnnĂ€herungsrichtung aus dem Tal nach Westen zur Anhöhe hin. Dies entspricht auch der historisch gewachsenen volkstĂŒmlichen, religiösen (Wallfahrten) und touristischen Zugangsrichtung zum Baudenkmal hin.
11. Etwaige Vorbelastungen, wie einen großen Baumarkt mit seinem großen Parkplatz, vermögen die GrĂŒnde des Denkmalschutzes nicht zu entwerten, solange es ĂŒberhaupt noch etwas zu schĂŒtzen gibt.
12. Die vorgebliche Lebensdauer von 30 Jahren der strittigen Windkraftanlage, die verwaltungsverfahrensrechtlich mit einer RĂŒckbauverpflichtung verbunden wurde, klĂ€rt nicht, inwiefern ein Zeitraum von 30 Jahren fĂŒr die durch den Denkmalschutz geschĂŒtzte Allgemeinheit und fĂŒr den vor erheblichen BeeintrĂ€chtigungen zu schĂŒtzenden DenkmaleigentĂŒmer nur geringfĂŒgig sein sollte. An einem bereits bestehenden Windkraftanlagenstandort könnte sich nach dem Ende der Lebensdauer einer bestehenden Anlage auch ein sog. Repowering aufdrĂ€ngen. Die Windenergienutzung ist vom Gesetzgeber nicht als nur vorĂŒbergehende Art der Energiegewinnung konzipiert.
13. Die Belange und die besondere Bedeutung der Windenergienutzung stehen weder der Annahme einer eigentumsrechtlich bedeutsamen erheblichen BeeintrĂ€chtigung entgegen noch können sie sich gegenĂŒber den Belangen des Denkmal- und Eigentumsschutzes generell, sondern nur im konkreten Einzelfall durchsetzen, wie sich bereits aus § 35 Abs. 1 Nr. 5 und Abs. 3 Nr. 5 BauGB ergibt. Die Windenergienutzung muss im konkreten Fall durch ĂŒberwiegende GrĂŒnde des Gemeinwohls oder ĂŒberwiegende private Interessen gerechtfertigt sein (BVerwG, Urteil vom 21.04.2009, Az.: 4 C 3/08, Az.: BVerwGE 133, 347/353 [Rn. 14]). Derartige Gesichtspunkte werden dann aber nicht bei der Beurteilung der erheblichen Betroffenheit bzw. des Gewichts der GrĂŒnde des Denkmalschutzes, sondern bei der AusĂŒbung des Versagungsermessens nach Art. 6 Abs. 2 Satz 2 BayDSchG zu berĂŒcksichtigen sein.
14. Die Frage, ob die erhebliche BeeintrĂ€chtigung eines Baudenkmals dem EigentĂŒmer nach Art. 14 Abs. 1 GG zugemutet werden könne, wenn er in der Vergangenheit keine denkmalbedingten, ĂŒber den normalen Bauunterhalt hinausgehenden Investitionen getĂ€tigt habe, die durch die BeeintrĂ€chtigung entwertet werden könnten, ist durch die höchstrichterliche Rechtsprechung bereits hinreichend geklĂ€rt ist. Die klagende DenkmaleigentĂŒmerin wird durch Art. 4 BayDSchG in die Pflicht genommen, das Baudenkmal zu erhalten, zu pflegen und SchĂ€den am Baudenkmal zu beseitigen, worauf das Verwaltungsgericht zutreffend hingewiesen hat. Diese Inpflichtnahme hat dem BVerwG als BegrĂŒndung fĂŒr einen Schutz durch Art. 14 Abs. 1 GG genĂŒgt (BVerwG, Urteil vom 21.04.2009, Az.: 4 C 3/08, a. a. O. [Rn. 14]; ebenso BayVGH, Urteil vom 24.01.2013, Az.: 2 BV 11.1631, BayVBl 2013, 471/472; HessVGH, Urteil vom 09.03.2010, Az.: 3 A 160/10, BeckRS 2010, 48970 [Rn. 64]).
BayVGH, Beschluss, 20.05.2015, AZ: 22 ZB 14.2827, Publikationsart: BeckRS 2015, 47066

1.1.2 Bedeutung
1.1.4 DenkmalwĂŒrdigkeit
1.2.1 Schutz- und Erhaltungspflichten
2 Baudenkmalpflege
2.4 VerÀnderungen in der Umgebung
2.4.1 Inhaltliche NĂ€he
2.4.1.1 GrundsÀtze
2.4.1.6 Bewegliche Anlagen in der Umgebung
2.4.1.7 Nachteilige VerÀnderungen des Orts- und Landschaftsbilds (Umgebung / Freiraum / Sichtbeziehungen vom und zum Denkmal)
2.4.2 RĂ€umliche NĂ€he (Entfernung)
2.4.3 ÜberprĂŒfbarkeit der NĂ€hefeststellung
Diese Entscheidung per E-Mail versenden
1. Dem nach § 35 Abs. 1 Nr. 5 BauGB privilegierten und gesichert erschlossenen Vorhaben (Errichtung und Betrieb einer ca. 150 m hohen Windkraftanlage [Nabenhöhe 108,38 m, Rotordurchmesser 82,0 m] in einem Vorbehaltsgebiet fĂŒr die Nutzung der Windenergie auf einer Anhöhe oberhalb zweier in der Senke liegender Ortsteile knapp 800 – 1.100 m von Ortsrand bzw. DenkmĂ€lern entfernt gelegen) stehen öffentliche Belange des Denkmalschutzes entgegen (§ 35 Abs. 3 Satz 1 Nr. 5 BauGB).
2. Der Denkmalschutz erfordert als Gemeinwohlaufgabe von hohem Rang, dass ein Kulturdenkmal vor BeeintrĂ€chtigungen seiner Substanz und seiner Ausstrahlungswirkung in die Umgebung hinein bewahrt wird, wie sie von einem Vorhaben in der Umgebung des Denkmals ausgehen können. Vorhaben, welche die DenkmalwĂŒrdigkeit erheblich beeintrĂ€chtigen, dĂŒrfen nur zugelassen werden, wenn das Vorhaben durch ĂŒberwiegende GrĂŒnde des Gemeinwohls oder durch ĂŒberwiegende private Interessen gerechtfertigt ist (vgl. BVerwG, Urteil vom 21.04.2009, Az.: 4 C 3.08, BVerwGE 133, 347 [353 f.]).
3. § 35 Abs. 3 Satz 1 Nr. 5 BauGB gewĂ€hrleistet insofern ein Mindestmaß an bundesrechtlich eigenstĂ€ndigem Denkmalschutz und greift ein, wo grobe VerstĂ¶ĂŸe in Frage stehen (vgl. BVerwG, Urteil vom 21.04.2009, Az.: 4 C 3.08, BVerwGE 133, 347 [353 f.]; OVG Niedersachsen, Urteil vom 21.04.2010, Az.: 12 LB 44/09, NuR 2010, 649 [656]).
4. Das Bayerische Landesamt fĂŒr Denkmalpflege (BLfD) ist die zur fachlichen EinschĂ€tzung des Denkmalwerts eines Baudenkmals und seiner BeeintrĂ€chtigung nach Art. 12 Abs. 1 Satz 1, Abs. 2 Satz 3 Nr. 5 BayDSchG berufene Fachbehörde.
5. Dabei sind die immissionsschutzrechtlichen Genehmigungsbehörden und die Gerichte rechtlich nicht an die fachliche Beurteilung des BLfD gebunden. Sie haben deren Aussage- und Überzeugungskraft allerdings nachvollziehend zu ĂŒberprĂŒfen und sich aus dem Gesamtergebnis des Verfahrens eine eigene Überzeugung zu bilden. Hierbei kommt den fachlichen EinschĂ€tzungen des BLfD ein tatsĂ€chliches Gewicht zu.
6. Als besondere, erhebliche BeeintrĂ€chtigung eines Denkmals ist - im Einklang mit den landesrechtlichen MaßstĂ€ben wie in Art. 6 Abs. 2 Satz 2 BayDSchG - bereits die Tatsache anzusehen, dass die Wirkung des Denkmals als Kunstwerk, als Zeuge der Geschichte oder als bestimmendes stĂ€dtebauliches Element geschmĂ€lert wird. Hingegen muss keine Situation erzeugt werden, in der ein hĂ€sslicher, das Ă€sthetische Empfinden des Betrachters verletzender Zustand, also ein Unlust erregender Kontrast zwischen der benachbarten Anlage und dem Baudenkmal hervorgerufen wird.
7. Neue Bauten mĂŒssen sich zwar weder völlig an vorhandene BaudenkmĂ€ler anpassen, noch unterbleiben, wenn eine Anpassung nicht möglich ist. Aber sie mĂŒssen sich an dem vom Denkmal gesetzten Maßstab messen lassen, dĂŒrfen es nicht gleichsam erdrĂŒcken, verdrĂ€ngen, ĂŒbertönen oder die gebotene Achtung gegenĂŒber den im Denkmal verkörperten Werten vermissen lassen BayVGH, Urteil vom 24.01.2013, Az.: 2 BV 11.1631, NVwZ-RR 2013, 545 ff.; OVG Niedersachsen, Urteil vom 21.04.2010, Az.: 12 LB 44/09, NuR 2010, 649 [656]).
8. Die genannten Merkmale mĂŒssen in schwerwiegender Weise gegeben sein, damit von einer erheblichen BeeintrĂ€chtigung gesprochen werden kann. Je höher der Wert des Denkmals einzuschĂ€tzen ist, desto höher kann eine erhebliche BeeintrĂ€chtigung seines Erscheinungsbilds anzunehmen sein; je schwerwiegender das Erscheinungsbild betroffen ist, desto eher kann die Schwelle der Unzumutbarkeit ĂŒberschritten sein (vgl. OVG Niedersachsen, Urteil vom 23.08.2012, Az.: 12 LB 170/11, juris).
9. Diese besondere, erhebliche BeeintrĂ€chtigung eines Denkmals (hier eines Patrizierschlosses) ist insbesondere in der wesentlichen SchmĂ€lerung der denkmalpflegerisch besonders schĂŒtzenswerten Innen-Außen-Blickbeziehung und damit der kĂŒnstlerischen Wirkung des Baudenkmals zu sehen, die deutlich ĂŒber die baurechtlich regelmĂ€ĂŸig nicht geschĂŒtzte „schöne Aussicht“ hinausgeht (vgl. BVerwG, Urteil vom 28.10.1993, Az.: 4 C 5/93, juris).
10. Die RĂ€ume des reichsstĂ€ndischen Herrschaftssitzes verknĂŒpfen konzeptionell fĂŒr den Betrachter die Innenwirkung der RĂ€ume mit der Außenwirkung der Umgebung des Schlosses zu einem Gesamteindruck. Die Raumausstattungen setzen hier ein imaginĂ€res „Arkadien“ als idealisierte Natur (Bild gewordene Vorstellungskraft im Innern der RĂ€ume) in Beziehung zur durch die Fenster real erlebbaren Natur und Besiedelung (Wirklichkeit gewordene Gestaltungskraft im Äußeren). Dieses kĂŒnstlerische Konzept spiegelt neben barocker Ausstattungskultur europĂ€ische Geistesgeschichte.
11. Kleinere Vorbelastungen und Störungen (Photovoltaikanlagen, Antennen, Fluchttreppe) beeintrĂ€chtigen den weiterhin gut erlebbaren Gesamteindruck von kĂŒnstlerisch gestalteter Innen- und herrschaftlich geprĂ€gter Außenwelt inmitten der sie umgebenden Nachbarschaft nicht.
12. Die geplante Windkraftanlage wĂŒrde genau in dieses Blickfeld hineinragen. Das Erlebnis der Blickbeziehung wĂ€re trotz ihrer rĂ€umlichen Entfernung in den maßgeblichen Blickachsen als besonders störendes Element ĂŒberwiegend sichtbar.
13. Daher kann sich der gesetzlich nach § 35 Abs. 1 Nr. 5 BauGB privilegierte Belang der Nutzung der Windenergie hier in diesem (konkreten) Nutzungskonflikt nicht gegenĂŒber dem als höherwertig anzusetzenden Belang des Denkmalschutzes nach § 35 Abs. 3 Satz 1 Nr. 5 BauGB durchsetzen.
14. Das Baudenkmal ist ortsgebunden, kann seine denkmalgeschĂŒtzte Funktion nur an diesem Standort erfĂŒllen und verlöre sie weitgehend bei Errichtung der Windkraftanlage in Sichtweite. Die Windkraftanlage hingegen kann an jedem anderen geeigneten Standort ebenfalls ihre technische Funktion erfĂŒllen.
15. Zudem prĂ€sentiert sich auch der Ort als reich gegliederte, besonders gut erhaltene, weitgehend ungestörte und in seinem denkmalgeschĂŒtzten Erscheinungsbild erlebbare Dachlandschaft, dies sich von anderen Orten durch die Folge der Schlösser und der Kirche als BaudenkmĂ€ler unterscheidet und so einen einmaligen Charakter erhĂ€lt. Die Situierung der BaudenkmĂ€ler mit den damit verbundenen Landschafts- und Sichtbeziehungen ist substantieller Teil der Denkmaleigenschaft. Bei einer Vorhabensverwirklichung drohten die DenkmĂ€ler ihre jeweilige Funktion als dominierende Landmarken zu verlieren, wĂŒrde doch die Windkraftanlage selbst zur stĂ€dtebaulichen Dominante, die in einen schroffen Gegensatz zur fein auf mehreren Ebenen gegliederten gewachsenen und symboltrĂ€chtigen Bebauung im Altort treten wĂŒrde. Die Sicht auf die DenkmĂ€ler inmitten des Altortes, auf ihre Wechselbeziehung zueinander und zur weiteren dortigen Bebauung wĂŒrde von der sich optisch und architektonisch krass unterscheidenden Wirkung der Windkraftanlage wesentlich ĂŒberlagert und erheblich beeintrĂ€chtigt.
16. Die besondere Beziehung der DenkmĂ€ler untereinander und ihre Wirkung auf den Altort unterscheidet sich mit seinem eigenstĂ€ndigen Stellenwert als „Stein gewordene Allegorie historischer sozialer Beziehungen“ in ihrer denkmalpflegerischen SchutzbedĂŒrftigkeit grundlegend von einem nur aus allgemeiner SiedlungstĂ€tigkeit entstandenen Ortsbild.
BayVGH, Urteil, 18.07.2013, AZ: 22 B 12.1741, Publikationsart: BayVBl 2014, 23 - 26 / juris
- http://www.nordbayern.de/region/lauf/kein-windrad-bei-neunhof-1.3062923; - rkr. (BVerwG, Beschluss vom 26.06.2014, Az.: 4 B 47.13, http://www.bverwg.de/entscheidungen/entscheidung.php?ent=260614B4B47.13.0 / BayVBl 2014, 703-704)
BayVGH - Urteil v. 18.07.2013 - 22 B 12.1741 - LAB anonym.pdf

1.3 Bauplanungsrecht, Bauleitplanung, Bauordnungsrecht
1.3.5 Erschließung im Außenbereich
1.5.3.6 Neuerrichtung im Ensemble
2 Baudenkmalpflege
2.4.1.6 Bewegliche Anlagen in der Umgebung
2.4.1.7 Nachteilige VerÀnderungen des Orts- und Landschaftsbilds (Umgebung / Freiraum / Sichtbeziehungen vom und zum Denkmal)
2.4.2 RĂ€umliche NĂ€he (Entfernung)
2.4.3 ÜberprĂŒfbarkeit der NĂ€hefeststellung
Diese Entscheidung per E-Mail versenden
1. Eine bauliche Anlage stammt dann „aus vergangener Zeit“ i. S. v. Art. 1 I, II 1 BayDSchG, wenn es einer abgeschlossenen, historisch gewordenen Epoche zuzurechnen ist.
2. Von Gesetzes wegen verfolgt der Denkmalschutz nicht das Anliegen, auch schon in jĂŒngerer oder gar jĂŒngster Zeit entstandene bauliche Anliegen unverĂ€ndert zu erhalten, die stĂ€dtebaulich oder kĂŒnstlerisch besonders gelungen erscheinen, so wĂŒnschenswert dies auch i. S. einer anspruchsvollen Baukultur sein mag. Eine derartige „begleitende“ oder „nacheilende“ Qualifizierung solcher Bauwerke als BaudenkmĂ€ler entspricht nicht der in der bayerischen Verfassung (Art. 141 II BV) verankerten originĂ€ren Aufgabe des Denkmalschutzes, die, auf die kĂŒrzestmögliche Formel gebracht, lautet: „Lebendigerhaltung des historischen Erbes“.
3. Durch den im Rahmen des Architekturprojektes „Bauen im Bestand“ konzeptionell in den vorhandenen Denkmalbestand (Jugendstilvilla mit Park) „hineinkomponierten“ Holzpavillon mit VerbindungsbrĂŒcke zur Jugendstilvilla entstand dennoch kein neues „Gesamtdenkmal“. Allerdings liegt ein sog. „NĂ€hefall“ nach Art. 6 I 2 BayDSchG vor.
BayVGH, Urteil, 28.05.2009, AZ: 2 B 08.1971, Publikationsart: NVwZ-RR 2009, 793-795 / BayVBl. 2010, 110-112 / juris / EzD 2.2.6.4 Nr. 47 (Anm. F. Koehl, S. 5-6)

1.1 Eintragung in die Denkmalliste
1.1.3 „aus vergangener Zeit“
2.4 VerÀnderungen in der Umgebung
2.4.1 Inhaltliche NĂ€he
2.4.1.1 GrundsÀtze
2.4.1.4 Umgebender Park, Garten, etc.
2.4.1.5 Unbewegliche Anlagen in der Umgebung
2.4.1.7 Nachteilige VerÀnderungen des Orts- und Landschaftsbilds (Umgebung / Freiraum / Sichtbeziehungen vom und zum Denkmal)
2.4.2 RĂ€umliche NĂ€he (Entfernung)
2.4.3 ÜberprĂŒfbarkeit der NĂ€hefeststellung
Diese Entscheidung per E-Mail versenden
1. Die GrundsĂ€tze, unter denen die Belange des Denkmalschutzes nach § 35 Abs. 3 Satz 1 Nr. 5 BauGB einem Außenbereichsvorhaben entgegenstehen können, in der Rechtsprechung des Senats sind geklĂ€rt (vgl. Revision wegen vermeintlicher grundsĂ€tzlicher Bedeutung, § 132 Abs. 2 Nr. 1 VwGO).
2. Bei der PrĂŒfung der ZulĂ€ssigkeit eines Außenbereichsvorhabens nach § 35 Abs. 1 und 2 BauGB bedarf es stets einer die gesetzlichen Vorgaben und Wertungen konkretisierenden nachvollziehenden AbwĂ€gung, ob die in § 35 Abs. 3 Satz 1 BauGB beispielhaft genannten öffentlichen Belange dem Vorhaben entgegenstehen oder durch dieses beeintrĂ€chtigt werden.
3. „Nachvollziehende AbwĂ€gung“ meint insoweit einen gerichtlich uneingeschrĂ€nkt ĂŒberprĂŒfbaren Vorgang der Rechtsanwendung, der eine auf den Einzelfall ausgerichtete Gewichtsbestimmung verlangt (vgl. BVerwG, Urteil vom 19. Juli 2001, Az.: BVerwG 4 C 4.00, BVerwGE 115, 17, 24; BVerwG, Urteil vom 27. Juni 2013, Az.: BVerwG 4 C 1.12, BVerwGE 147, 118).
4. Speziell die in § 35 Abs. 3 Satz 1 Nr. 5 BauGB genannten öffentlichen Belange des Denkmalschutzes werden zwar in der Regel - positiv wie negativ - durch das Denkmalrecht der LĂ€nder konkretisiert, die Regelung enthĂ€lt aber dennoch keine bloße Verweisung auf Landesrecht, sondern formuliert eine bundesrechtlich eigenstĂ€ndige Anforderung, die - unbeschadet einer Konkretisierung durch Landesrecht - unmittelbar selbst eingreift, wo grobe VerstĂ¶ĂŸe in Frage stehen.
5. § 35 Abs. 3 Satz 1 Nr. 5 BauGB gewĂ€hrleistet ein Mindestmaß an bundesrechtlich eigenstĂ€ndigem, von landesrechtlicher Regelung unabhĂ€ngigem Denkmalschutz, der im VerhĂ€ltnis zu den denkmalrechtlichen Vorschriften des Landesrechts, die nach § 29 Abs. 2 BauGB unberĂŒhrt bleiben, eine Auffangfunktion zukommt (BVerwG, Urteil vom 21. April 2009, Az.: BVerwG 4 C 3.08, BVerwGE 133, 347).
6. Eine „besondere abwĂ€gungserhebliche Bedeutung“ einer regionalplanerischen Ausweisung eines Vorbehaltsgebiets fĂŒr die Nutzung der Windenergie, im Zuge derer die denkmalschĂŒtzerischen Belange angesprochen (ab- bzw. weggewogen) worden seien, verlangt eine „nachvollziehende“ AbwĂ€gung dennoch auch insoweit eine auf den Einzelfall ausgerichtete Gewichtsbestimmung (BVerwG, Urteil vom 19. Juli 2001, a. a. O.), bei der die SchutzwĂŒrdigkeit des betroffenen Belangs und dessen vorhabensbedingte BeeintrĂ€chtigung dem Interesse an der Realisierung des privilegierten Vorhabens gegenĂŒberzustellen sind (Söfker, in: Ernst/ Zinkahn/ Bielenberg/ Krautzberger, BauGB, Stand September 2013, § 35 Rn. 95). Dass hierbei auch GrundsĂ€tze oder sonstige Erfordernisse der Raumordnung nach § 3 Abs. 1 Nr. 3 und 4 ROG eine Rolle spielen können, steht außer Frage.
7. Angesichts der mit Landesdenkmalrecht nicht deckungsgleichen Anforderungen des § 35 Abs. 3 Satz 1 Nr. 5 BauGB lĂ€sst sich auch die Frage, ob bei der Beurteilung der DenkmalbeeintrĂ€chtigung maßgeblich auf diejenigen GrĂŒnde abzustellen ist, die zur Unterschutzstellung des Denkmals gefĂŒhrt haben und, falls ja, ob sich diese GrĂŒnde ausschließlich aus der Denkmalliste ergeben, ohne weiteres in dem Sinne beantworten, dass die bundesrechtlichen Anforderungen des Denkmalschutzes einem privilegierten Außenbereichsvorhaben auch jenseits der fĂŒr die Unterschutzstellung des Denkmals maßgeblichen GrĂŒnde und deren Eintragungen in die Denkmalliste entgegenstehen können.
8. Ein Widerspruch zur Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts MĂŒnster (OVG NRW, Beschluss vom 12. Februar 2013, Az.: 8 A 96/12, juris) insoweit, dass bei der Beurteilung, ob und in welchem Umfang ein Denkmal durch eine in der Umgebung geplante Windenergieanlage beeintrĂ€chtigt werden könne, allenfalls der Blick auf das Denkmal maßgeblich sei, nicht hingegen der Blick aus dem Denkmal, liegt nicht vor, auch wenn der BayVGH die Auffassung vertritt, wonach sich eine erhebliche BeeintrĂ€chtigung des Denkmals gerade auch aus der erheblichen Störung der besonders schĂŒtzenswerten „Innen-Außen-Blickbeziehung“ ergebe. Allerding beschĂ€ftigte sich das OVG NRW in der zitierten Entscheidung ausschließlich mit der Frage, ob das Vorhaben gegen (Landes-)Denkmalrecht verstĂ¶ĂŸt; zu den bundesrechtlich geregelten Belangen des Denkmalschutzes im Sinne des § 35 Abs. 3 Satz 1 Nr. 5 BauGB enthĂ€lt die Entscheidung des OVG NRW hingegen keine Aussage.
BVerwG, Beschluss, 26.06.2014, AZ: 4 B 47.13, Publikationsart: http://www.bverwg.de/entscheidungen/entscheidung.php?ent=260614B4B47.13.0 / BayVBl 2014, 703-704

1.3 Bauplanungsrecht, Bauleitplanung, Bauordnungsrecht
1.3.5 Erschließung im Außenbereich
1.5.3.6 Neuerrichtung im Ensemble
2 Baudenkmalpflege
2.4.1.6 Bewegliche Anlagen in der Umgebung
2.4.1.7 Nachteilige VerÀnderungen des Orts- und Landschaftsbilds (Umgebung / Freiraum / Sichtbeziehungen vom und zum Denkmal)
2.4.2 RĂ€umliche NĂ€he (Entfernung)
2.4.3 ÜberprĂŒfbarkeit der NĂ€hefeststellung